Folge 5
| Von Sabina Altermatt um 00:03 | [ 1. Dicke Luft ] |

Mia sass vor dem Fernseher. Die eine Hand in einer Tüte Paprika Zweifel-Pommes-Chips, die andere hielt die Fernbedienung.
«Hast du kein Training heute?», fragte Gertrud, als sie den Mantel an die Garderobe hängte.
«Ne, fällt aus.»
«Und wie war's an der Uni?» Gertrud ging zur offenen Küche und stellte die Tulpen, die sie mitgebracht hatte, in eine Vase.
«Ziemlich theoretisch. Wechselkursmodelle.»
Gertrud stellte die Blumen auf den Couchtisch.
«Tulpen? Schon jetzt? Da, schau mal.» Mia deutete auf den Fernseher. Auf Telezüri war der Pressesprecher der Stadtpolizei zu sehen.
«Stell lauter», sagte Gertrud und blieb vor dem Fernseher stehen.
«... wurde heute die Leiche einer ca. 38-jährigen Frau gefunden. Die Identität der Toten konnte bis jetzt nicht festgestellt werden. Die Polizei bittet um Mithilfe. Wer kennt diese Frau? Sachdienliche Hinweise bitte an ...»
«Ist das dein Fall?», fragte Mia, als in den Züri-News bereits ein Beitrag über einen Auftritt der Rolling Stones in Dübendorf gesendet wurde.
«Ja», seufzte Gertrud und liess sich aufs Sofa fallen.
«Und?»
«Was und?»
«Erzähl! Das, was sie nicht gesagt haben.»
«Es gibt nicht mehr Informationen. Das ist das Problem. Keine Kleider, keine Hinweise auf die Identität. Nichts. Ich koch uns mal was.» Sie stand auf, ging zur Küche, nahm eine Pfanne und liess Wasser hineinlaufen.
«Mam, ich muss dich was fragen.»
«Ja?» Sie gab ein Prise Salz ins Wasser.
«Gibt's Spaghetti?»
«Ja, mit Thonsauce. Wolltest du mich das fragen?»
«Nein.» Mia zögerte. «Kann Kerim eine Weile bei uns wohnen?»
«Das kommt jetzt etwas überraschend. Wieso denn?» Sie nahm eine Bratpfanne und gab einen Schuss Öl hinein.
«Er muss bei seinen Kollegen ausziehen.»
«Und findet keine Wohnung?» Sie begann, Zwiebeln zu schälen und zu hacken.
«Ja.»
Gertrud schaute Mia über die Schulter an. «Du verschweigst mir doch was.»
«Er hat gar nicht gesucht. Weil er keine Wohnung bekommt. Ohne Bewilligung.»
«Kerim hat keine Aufenthaltsbewilligung?» Sie gab die Zwiebeln in die Pfanne. Es zischte leise.
«Hab ich doch gerade gesagt. Sein Touristenvisum ist vor einer Woche abgelaufen.»
«Dann muss er ausreisen.»
«Mam, sei nicht so streng, sonst bist du auch nicht so. Du predigst doch immer von gesundem Menschenverstand.»
Gertrud versuchte, ruhig zu bleiben. Sie drehte sich um. «Es ist nicht legal.»
«Ich scheiss' auf das Gesetz, wenn es so idiotisch ist und Leute nicht bleiben dürfen, denen es hier gefällt und die auch bereit sind zu arbeiten.»
«Mia!»
«Dann heirate ich ihn, dann kann er hier bleiben.»
«Wenn du das tust, ...»
«Ja, was? Wirfst du mich dann raus? Brauchst du nicht. Ich gehe freiwillig.»
Kommentare(1)
Permalink



