03.5.2006

Folge 50

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 10. Erste Verhaftung ]
Im Kommissariat war ein Durchkommen beinahe unmöglich. Überall standen junge Leute in den Gängen, die Hände mit Kabelbinder zusammengezurrt, die Augen rot, die Gesichter verschmiert.
Die Verhörzimmer waren alle besetzt. Sie gingen in Gertruds Büro. Mancini postierte sich vor der Türe, obwohl Gertrud ihm zu verstehen gegeben hatte, dass das nicht nötig sei.
Marion Tobler gab zu, dass sie nach dem Tod ihrer Freundin ins Sozialzentrum gegangen war, um van der Meer zur Rede zu stellen. «Er wollte nicht zu dem Kind stehen. Das hat Andrea getroffen. Ich glaube, sie ist daran zerbrochen.»
«Also nichts mit Samenspender.»
«Nein.»
«Wieso haben Sie uns dann diese Geschichte aufgetischt?» wollte Gertrud wissen.
«Wenn ich Ihnen gesagt hätte, dass van der Meer Schuld an Andreas Tod ist, dann hätten Sie mich festgenommen.»
«Soweit sind wir nun auch.»
«Aber ich habe ihn nicht umgebracht, nur eins verpasst und Frau van der Meer über die Schwangerschaft informiert.»
«Da steht Aussage gegen Aussage.» Gertrud blickte zu Mancini, der verdrehte die Augen.
«Sie haben ein Motiv und kein Alibi. Das sieht nicht gut aus», meinte Gertrud.
«Hätten Sie für ein oder drei Uhr morgen ein Alibi?»
«Kommt drauf an.»
«Ich war's nicht.»
«Und wer dann?»
«Fragen Sie Frau van der Meer. Die ist beinahe grün geworden, als ich ihr erzählt habe, dass Andrea von ihrem Mann schwanger ist.»
«Das hatten wir schon.»
«War Andrea eigentlich ein paar Tage vor ihrem Tod anders als sonst?» fragte Mancini unvermittelt. Gertrud schaute ihn böse an. Musste der wieder dreinfunken?
«Sie war irgendwie gestresst. Vielleicht, weil van der Meer fand, sie solle abtreiben und gerade drei Monate vorbei waren. Und unser Verhältnis war auch ziemlich angespannt.»
«Verstehe. Und sonst?» fragte Mancini weiter.
«Mancini, könnten Sie uns bitte einen Kaffee holen?» fiel Gertrud dazwischen.
Er tat keinen Wank.
Marion Tobler dreht sich zu ihm um. «Sie hat da mal was von einer Frau erzählt. Einer Klientin. Sie wollte aber nicht sagen, worum es geht. Das muss sie ziemlich beschäftigt haben.»
«Sehr aufschlussreich», meinte Gertrud.
«Die hatte Probleme mit Sprechen, glaub ich.»
«Hören Sie Frau Tobler. Ich habe langsam genug von diesen Geschichten. Bitte Mancini, sehen Sie mal nach, ob wir noch eine freie Zelle haben. Frau Tobler bleibt vorläufig hier.»


02.5.2006

Folge 49

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 10. Erste Verhaftung ]
1. Mai
Der 1. Mai-Umzug war vorüber. Auf dem Kanzlei-Areal thronte unter den Kastanienbäumen der Böög, auf dem Helvetiaplatz spielte eine Schweizer Rockband. Es roch nach Tränengas.
Gertrud bahnte sich einen Weg durch die Konzertbesucher, dicht hinter ihr Mancini. Sie waren nicht die einzigen, die auf den Helvetiaplatz strömten. Schwarzgekleidete Junge mit hochgezogenen Kapuzen, Sonnenbrillen und Tüchern rannten auf den Platz. Durch die Bäume schimmerte blau ein Wasserwerfer.
Mancini hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht und fluchte. Gertruds Augen brannten.
«Die werden das nie in den Griff bekommen, typisch Stadtpolizei», sagte sie zu Mancini.
«Was haben Sie gesagt?» Er konnte sie nicht verstehen. Die Musik war zu laut. Aus Richtung Kanzlei knallten vereinzelt Tränengaspetarden.
Endlich hatten sie den Getränkestand erreicht. Marion Tobler stand mit dem Rücken zur Bar. Gertrud versuchte, sie zu rufen, doch sie schien sie nicht zu hören. Ein Mann mit langen, blonden Rastas fragte sie freundlich, was sie gerne trinken würden.
Anstatt zu bestellen, zeigte Gertrud ihren Ausweis. «Ich möchte Marion Tobler sprechen», sagte sie und deutete auf Marion.
Ein Punk mit mehrfach durchlöcherten Ohren, der neben Gertrud stand, sagte, sie solle verduften. Das sei bullenfreie Zone. Sie könne auf die andere Seite gehen, wenn sie mittun wolle, er deutete Richtung Kanzlei. Mancini stellte sich in seiner ganzen Grösse vor ihn hin, der Junge zeigte den Mittelfinger und zog ab.
Der Mann hinter der Bar hatte inzwischen Marion verständigt. Sie kam zu Gertrud herüber.
«Frau Tobler, Sie sind verhaftet. Sie stehen unter Mordverdacht. Ich muss Sie bitten, mitzukommen.»
«Gleich?»
«Sofort.»
Marion Tobler wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, unterhielt sich kurz mit ihrem Kollegen und holte eine Jacke unter der Theke hervor.
«Am besten, wir gehen zu Fuss», sagte Gertrud. «Es ist nicht weit.»


01.5.2006

Folge 48

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 10. Erste Verhaftung ]
Er wartete vor ihrem Büro.
«Na, Mancini, was gibt es so Dringendes?»
«Ich komme gerade vom Sozialzentrum.»
«Und was haben Sie da gemacht? Etwa Sozialhilfe beantragt?»
Sie schloss das Büro auf und liess ihm den Vortritt. Mancini blieb mitten im Raum stehen und machte ein beleidigtes Gesicht. Gertrud bereute sofort ihre Bemerkung.
«Tut mir Leid. Bitte, setzen Sie sich doch.»
Er nahm Platz und schwieg.
«Nun kommen Sie schon. Was sind das für Neuigkeiten?»
Mancini rollte mit dem Stuhl leicht vor und wieder zurück. «Sie erinnern sich an die Sekretärin im Sozialzentrum?» begann er zögernd.
«Die mit den Fingernägeln?»
«Ich habe sie heute besucht. Das heisst, ich habe sie schon mal besucht. Als sie noch im Spital war.»
«Wieso das?»
«Ich wollte wissen, wie es ihr geht, ob sie vielleicht dem, was sie mir bereits gesagt hat, noch etwas anfügen möchte.»
«Das war rein beruflich?» Gertruds Frage klang eher wie eine Feststellung.
«Rein beruflich.»
«Und heute? Auch rein beruflich?»
«Nein. Also, ja. Zum Schluss schon. Es war eher Zufall. Wir haben über ihren Job geredet und sind dann auf diesen Vorfall zu sprechen gekommen. Sie wissen schon, als van der Meer eine in die Magengegend bekommen hat. Sie hat das auch beobachtet. Und ist überzeugt, dass es eine Frau war.»
«Eine Frau?»
«Ja. Und zwar eine ganz bestimmte. Nach ihrer Beschreibung kann es niemand anders sein als Marion Tobler.»
Er schaute sie erwartungsvoll an.
«Sie mal an! Das heisst, die Frau hat gelogen.»
«Genau.»
«Von wegen weiter unten. Mancini, ich denke wir haben sie.»
Mancini strahlte.
«Dank Ihnen!»
Mancini strahlte noch mehr.


28.4.2006

Folge 47

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 10. Erste Verhaftung ]
Bernerhof
«Du siehst nicht gut aus.»
«Danke.»
«So hab ich es nicht gemeint.»
Der Bernerhof war beinahe leer.
Gertrud zündete sich eine Zigarette an.
«Ich hab das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.»
Gian legte seine Hand auf die ihre, drückte sie.
Sie zog sie weg, holte tief Luft. «Sie haben Kerim verhaftet.»
«Mist. Aber es war eine Frage der Zeit.»
«Das hab ich Mia auch gesagt. Aber was nützt das schon.» Sie schaute sich nach einem Aschenbecher um, doch es war keiner da. «Kannst du dir vorstellen, wie das für zwei junge Menschen ist?»
«Was macht sie jetzt?» wollte Gian wissen, ohne auf ihre Frage einzugehen.
«Ich weiss es nicht. Noch ist er nicht ausgeschafft. Aber als Marokkaner hat er doch keine Chance.» Sie blickte ihn lange an. «Ich finde, die Leute sollten leben können, wo sie wollen und wie sie wollen.» Ein Stück Asche fiel auf den Tisch.
«Das sind ja ganz neue Töne.» Gian reichte ihr den Unterteller seiner Kaffeetasse. «Weisst du noch, wie du dich genervt, damals, als Erich nach Italien ging.»
«Vielleicht hatte er seine Gründe.»
«Ja, vielleicht. Und wie läuft dein Fall?»
Sie nahm einen tiefen Zug. «Ein Hennenkampf.»
«Bitte?»
«Zwei Frauen, die sich gegenseitig belasten.»
«Du erstaunst mich immer wieder.»
«Wir Frauen sind auch nicht besser.»
«Soso. Und wie gehst du damit um?»
«Abwarten.» Sie drückte die Zigarette aus. «Bis eine einen Fehler macht.»
Das Handy klingelte.
Mancini war dran. Sie müsse unbedingt ins Büro kommen. Es gäbe Neuigkeiten. Sicher wieder etwas ganz Belangloses, dachte Gertrud.
«Ich bezahle. Geh du nur», sagte Gian. Er stand ebenfalls auf und drückte sie an sich. Einen kurzen Moment zu lang.


27.4.2006

Folge 46

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 10. Erste Verhaftung ]
«Bitte Mia. Sprich mit mir. Was ist los? Ist was mit Kerim?» Sie legte ihr die Hand auf die Schulter.
«Ist was mit Kerim?» äffte Mia Gertrud nach, drehte sich um und schaute sie mit verheulten Augen an. «Klar ist was mit Kerim. Er ist weg. Jetzt frag nicht so blöd. Sie haben ihn festgenommen. Er wird ausgeschafft.»
«Ach, Mia. Es tut mir Leid.»
«Wir suchten einen Ort, wo es nicht nach Bratwürsten roch. Dann sind wir zum Kanzlei gegangen. Wie alle anderen auch, denen dieses Sechseläuten auf die Nerven geht. Und dann sind sie gekommen. Zu viert. Haben alle kontrolliert. Ich hab sie gefragt, ob sie immer noch den Böög suchen. Eine Antwort habe ich nicht gekriegt. Ich wollte sie ablenken. Kerim tat so, wie wenn er mal schnell aufs Klo wollte. Aber einer deiner lieben Kollegen ist ihm nachgegangen und hat ihn am Arm gepackt. Nicht so schnell, hat er gesagt. Den Kabelbinder hatte er auch gleich zur Hand. Kerim hatte keine Chance. Sie haben ihn abgeführt. Ich wollte mitgehen, aber sie haben mich nicht gelassen. Ich sei ja nicht verwandt und so.»
Gertrud schwieg.
«Und jetzt, sagst du nichts? Sonst hast du doch immer für alles eine Lösung.»
«Es tut mir Leid.»
«Das sagtest du bereits. Mir auch, so ne Scheisse. Es ist einfach nicht fair.» Sie schlug mit der Faust auf die Matratze.
«Ich kann dir nicht helfen. Versteh doch, es war eine Frage der Zeit bis sie ihn erwischen.»
«Das ganze Leben ist eine Frage der Zeit.» Mia setzte sich auf. «Du kennst doch diesen Polizeipräsidenten. Kannst du nicht mal mit dem sprechen?»
«Nein, das kann ich nicht. Das weisst du. Das sind die Gesetze. Da nützt es nichts, jemanden zu kennen.»
«So sauber ist unsere Schweiz auch nicht.»
«Bitte Mia, hör auf.»
«Ist doch wahr. Wenn es einmal zu meinem Vorteil wäre, dass meine Mutter Polizistin ist, dann bringt es nichts.»
«Wie meinst du das jetzt?»
«Glaubst du, es macht Spass, wenn die Mutter ständig irgendwelchen Durchgeknallten hinterher jagt? Glaubst du, es hat Papa Spass gemacht?»
«Er hat uns verlassen.»
«Eben.»