15.5.2006

Folge 58

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 12. Schöne Wahrheit ]
Mancini war noch nicht zurück. Wo der sich wohl wieder rumtrieb. Das Handy nahm er auch nicht ab. Gertrud wusste nicht genau wieso, aber sie hätte ihn gerne dabei gehabt. Doch der Besuch des Rosenhügel konnte nicht länger warten.

Die Klinik lag am Zürichberg und sah genau so aus, wie man sich das vorstellte. Eine Jugendstil-Villa mit grossem Treppenaufgang in einem kleinen Park, umgeben von hoch gewachsenen Bäumen.
Innen war das Gebäude kühl und modern. Auf der Empfangstheke aus Glas und Chromstahl, die gleichzeitig als Leuchtkörper diente, stand eine Strauss weisser Lilien. Hinter der Rezeption hing ein grosses Gemälde mit Frauengesichtern in verschiedenen Blautönen. Die Sekretärin begrüsste Gertrud mit einem perfekten Lächeln und fragte sie, was sie wünsche.
«Gertrud Gut, Kriminalpolizei. Ich möchte die Klinikleitung sprechen.»
«Sie haben keinen Termin?» Es war eher eine Feststellung als eine Frage und klang bedauernd. Frau Dr. Sommerhalder sei gerade besetzt, aber sie könne gerne warten. Sie deutete auf ein weisses Sofa, das beim Fenster stand. Auf dem Eileen-Gray-Beistelltisch lagen verschiedene Broschüren.

Gertrud hatte bereits alle Prospekte durchgesehen, als die Klinikleiterin sie abholte. Sie wusste nun alles über Verschönerungsmöglichkeiten wie Wangengrübchenmodellation, Oberarmhautstraffung und kosmetische Kinnkorrekturen. Auch über Botox hatte sie einiges gelesen. Dass es vorübergehend den Nervenimpuls zu den Muskeln hemmt und damit die Muskelbewegung beruhige, was zu einer Glättung der Falten führe. Und dass es sich um einen Eiweissstoff handle, der von einem Bakterium erzeugt wurde. Dass es die giftigste, derzeit bekannte Einzelsubstanz war, wurde hingegen nirgends erwähnt.
Frau Dr. Sommerhalder war nicht gerade ein Aushängeschild für ihre Schönheitsklinik. Zumindest was ihre Figur betraf. Sie hatte zwar eine schmale Taille, war aber um die Hüften ziemlich breit, und auch die Beine unter dem Arztkittel wirkten eher stämmig. Die grauen Haare hatte sie hochgesteckt. Sie begrüsste Gertrud und führte sie durch einen Gang, an dessen Wänden Gipsabdrücke von verschiedenen Nasen und Mündern hingen. Gertrud blieb stehen und betrachtete den Wandschmuck genauer.
«Es ist die Individualität, die zählt», erklärte Dr. Sommerhalder. «Wir wollen den Leuten keine Einheitsschönheit verpassen. Keine Nasen von der Stange wie das in Amerika gemacht wird. Jeder Mensch soll so aussehen können, wie er möchte.»
Die Ärztin führte Gertrud in einen Raum, dessen Einrichtung an eine Zahnarztpraxis erinnerte. Ein weisser, höhenregulierbarer Stuhl mit Nackenstütze, daneben ein Trolley mit Instrumenten, darüber hing eine Lampe an einem Bügel.
«Bitte nehmen Sie doch Platz, Frau Gut.»
«Auf diesem Stuhl?»


Kommentare

Columbo
2006-05-15 05:41:00

Ja ja, wenn der Mancini ausnahmsweise mal willkommen wäre, vertrödelt er seine Zeit damit, Fakten zu sammeln, Hinweisen nachzugehen, und heisse Spuren zu ergründen. Dass er völlig pflichtvergessen die inzwischen als unschuldig entlassene Marion tröstet, können wir ja auf Grund von deren Veranlagung ausschliessen. Nein, dem Mann fehlt einfach die Gabe, mittels übersinnlicher Eingebung zu wissen, wann er denn wo gewünscht wird.

Ich nehme aber mal an, Gertrud hat wenigstens eine Notiz hinterlassen, oder Sandro gar per SMS darüber informiert, wohin sie denn unterwegs sei. Mit ihrem Gefühl, dass so ein wenig Backup sicher nicht schaden würde, lag sie sicher ziemlich richtig.

Jetzt ist sie also in der Höhle des Löwen, nicht etwa Schimanski – mässig undercover als angebliche Interessin (ist sicher auch besser so; wohin das führen kann, hat Andrea ja erfahren), sondern mit offenen Karten und hoffentlich genau den richtigen Fragen. Hoffentlich verpasst ihr die nette Frau Doktor nicht eine Behandlung, die unsere Gertrud jeder Ähnlichkeit mit dem Photo auf ihrem KaPo – Ausweis beraubt.

Jetzt bin ich sehr gespannt, wie genau Gertrud den Fall denn in nur 2 Folgen (Maximum, vielleicht braucht Mia's Drama ja auch noch etwas Platz) den Fall abschliessen wird.

Entweder Dr Sommerhalder ist keine so abgebrühte Killerin, sondern seit dem Malöör mit Andrea eher ein Nervenbündel, und legt bei der ersten etwas agressiven Frage (vielleicht hat Gertrud ja in dem Bereich ein wenig von Sandro gelernt) ein tränenreichen Geständnis ab.

Oder Gertrud schafft es, die Frau Doktor so in Widersprüche zu verwickeln, dass sie ihr oder einem Klinik – Angestellten den Mord mit oder ohne Geständnis nachweisen kann.

Vielleicht hat unsere neuste Verdächtige aber für jede von Gertruds cleveren Fragen eine zumindest halbwegs plausible Antwort parat, und unsere Kommissarin hat zwar "vom Gefühl her" keinen Zweifel daran, dass Andrea's terminale Seewassertherapie mit der Klinik zu tun hat, kann die Frau Sommerhalder aber nicht festnageln. Aber gerade, als sie sozusagen hängenden Kopfes von hinnen schleichen will, taucht der Sandro auf, mit hieb- und stichfesten Beweisen (oder zumindest einem Durchsuchungsbefehl, den er auf Grund seiner gründlichen Nachforschungen erwirken konnte). Da der fleissige Assistent aber nicht nur Beweise, sondern in weiser Voraussicht auch ein paar Handschellen mitbringt, sehen wir bald schon die Klinikleiterin von Mancini durch den Nasen-und-Münder Gang geführt, und hören sie hysterisch referieren darüber, dass alle grossen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte mit Rückschlägen zu kämpfen hatten, dass ihre Arbeit und ihre Methoden ein paar Opfer rechtfertigten und dass man sie zwar einsperren, "die Sache" aber niemals werde aufhalten können - buwhahahahahahaha.

Ich weiss jetzt gar nicht, worauf ich spekulieren soll. Einerseits ist Sandro sicher nicht ohne Grund so lange unauffindbar; irgendwie erwarte ich schon fast, dass der, wenn er erst mal wieder auftaucht, einmal mehr eine sprichwörtliche Bombe platzen lässt. Andererseits ist anzunehmen, dass schlussendlich Gertrud diejenige ist, die mit ihrer Genialität den Fall klärt und den Übeltätern das Handwerk legt. Wo kämen wir auch hin, wenn der Erfolg dem Assistenten zu verdanken wäre? Also wirklich, so geht's ja wohl nicht ;-)

Einmal mehr ist also die Spekulationsbörse eröffnet, liebe Kollegen; wie bringt Gertrud den/die Killer zur Strecke?

monk
2006-05-15 09:28:40

*grübel grübel
also etwas macht mich doch noch stutzig: woher weiss die gertrud, dass diese frau sommerhalder wirklich seit längerem -sprich seit ca. 59 tagifolgen in der klinik verantwortlich ist? ihr aussehen könnte ja auch darauf schliessen lassen, dass sie von irgend wem ja nur vorgeschoben wurde. wobei ich natürlich nicht auf ihre stämmigen hüfte anspreche, es gibt viele geniale frauen, die diese merkmale aufweisen. vielleicht wurde gertruds wahrnehmung nach dem lesen aller hochglanzprospekte durch ihre übertriebene erwartung, perfekter schönheit gegenüber zu stehen, halt doch ein wenig getrübt. und dann das besprechungszimmer. in so einer stinkteuren klinik gibt es doch bestimmt empfangsräume die jeder mittelmässigen millionärin die neidtränen kommen und den bezahlenden ehegatten stöhnend an seine brieftasche greifen lassen. wenn die frau sommerhalder diese stübchen nicht kennt, lässt das darauf schliessen, dass sie beim eintreffen von trudi rucke-zucke zur klinikleiterin 'befördert' wurde oder dann wirklich verwerfliches mit unserer halbzeitheldin/kommissarin vor hat.
der stuhl! also da sollte sie sich keinesfalls hinsetzen....
freunde - wir treffen uns in 20 minuten am rosenhügel....

Columbo
2006-05-15 11:35:49

Ja, da gibt's wirklich ein paar Ungereimtheiten mit der guten Frau "Doktor". Ich glaube zwar nicht, dass man irgend eine bedeutungs- und ahnungslose "kleine Angestellte" vorgeschoben hat; zu leicht könnte so jemand aus Versehen irgend eine Unstimmigkeit, die ihr aufgefallen ist, verplappern und, ohne es zu merken, die Gertrud erst recht auf die richtige Spur führen. Aber so, wie diese Sommerhalder gleich ihr Verkaufssprüchlein runtergeleiert hat, obwohl sie ja wusste, dass sie mit unserer Kommissarin gar keine potentielle Kundin vor sich hatte, ordne ich sie eher dem Marketing zu; man wollte wohl eine Expertin im Drum-herum-reden, Ausweichen, und vage-Antworten-erfinden vorschicken.

Ich hätte auch eher ein nobles Beratungszimmer als Gesprächsort erwartet. Aber vielleicht wollte die Geschäftsleitung der Schnüfflerin ganz subtil zu verstehen geben, dass man hier sehr rasch handfest tätig werden kann, falls die Fragen allzu unbequem werden.

Auf jeden Fall kann es nicht schaden, wenn wir da mal nach dem Rechten sehen. In der Tat, auf zum Rosenhügel, Kameraden! Wir sollten uns dort dringend mal diskret umsehen – so ein paar gepflegte Herren, die bloss mal ihre frisch verschönerten Angetrauten besuchen wollen, werden wohl kaum auffallen.

Zur Sicherheit lassen wir am besten Sandro mit dem SWAT Team in Bereitschaft stehen (heissen die in Zürich eigentlich immer noch Turicum? – Wie Hercule vor ein paar Tagen festgestellt hat, kann so eine eindrückliche Blaulicht – Flotte zur rechten Zeit Wunder wirken.


Hercule Poirot
2006-05-15 16:26:11

Bongschur meine Freunde
Ich habe eine etwas stressige Woche vor mir und werden den Fall aus der Ferne lesen. Ich wünsche viel Spass beim schreiben der comments und noch mehr beim Lesen der Selben.

Herzlichst
Euer Hercule

Monk
2006-05-15 17:34:33

also ein bisschen beleidigt mich das schon, wie sie über die marketing-leute herziehen, lieber columbo. ist wohl die rache auf die bittere pille mit den mangelhaften it-kenntnissen?
aber das können wir ja dann beim tomaten pflücken ausdiskutieren. wichtig ist momentan, dass wir wie atome zusammen halten, jetzt wo unser geschätzter hercule nur auf telepathischem weg unterstützung bieten kann und es mir nicht mehr vergönnt ist, punkto kriminalistischer gedankengänge auf meinen verlässlichen rodney zurück zu greifen
stimmen wir eine cqm-mässige meditation an, dass keine einzige der noch aktiven spürnasen vom heuschnupfen blockiert wird

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