03.3.2006

Folge 10

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Kriminalpolizei
In Gertruds Büro herrschte Chaos. Eine Aktenbeige war umgestürzt, ein paar Mappen zu Boden gesegelt. Ihre Fälle fügten sich in letzter Zeit nahtlos aneinander, zum Aufräumen kam sie nicht mehr.
Du solltest mehr an deinen Assistenten delegieren, hiess es immer wieder von Kollegenseite.
Aber schliesslich war ein Assistent nicht da, um aufzuräumen. Oder meinten die etwas anderes? Hatte sie ein Problem mit Delegieren? Musste sie immer alles selber machen, weil sie alles genauso haben wollte, wie sie es sich vorstellte?
Mia hatte sich auch schon beschwert, sie lasse ihr keinen Platz. Oder war es an der Zeit, dass Mia auszog?
Sie hob die Papiere auf und legte sie zurück auf den Tisch.
Auf dem Faxgerät lag der Bericht der Gerichtsmedizin. Kurz und bündig wie erwartet. Die Obduktion bestätigte den Befund: Andrea Aebischer war ertrunken. Man hatte Schädel, Brust und Bauch geöffnet und die Organe untersucht. Die Lungen waren stark gebläht, ein Hinweis auf Tod durch Ertrinken. Sonst hatte man nichts Auffälliges gefunden, ausser einer leicht vergrösserten Gebärmutter. Andrea Aebischer war schwanger, im dritten Monat.
Sonstige Verletzungen konnten keine festgestellt werden. Die Untersuchung des Urins auf die gängigsten Drogen und Medikamente war negativ.
Gertrud griff zum Hörer. «Haben Sie auch nach Einstichen gesucht?»
«Ja.»
«Und keine gefunden?» Gertrud war überrascht.
«Steht was von Einstichen in meinem Bericht?»
«Nein, sonst hätte ich Sie nicht angerufen.» Dieser Mann ging ihr langsam auf die Nerven.
«Eben.»
«Würden Sie bitte meine Frage beantworten? Wenn sie wollen, können Sie dies auch schriftlich tun. Per Fax.»
«Nein, Andrea Aebischer hatte keine Einstiche in ihrem Körper.» Der Gerichtsmediziner sprach langsam und betonte jedes Wort.
Gertrud hängte auf ohne sich zu verabschieden.


02.3.2006

Folge 9

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Luca
Gegen Mittag verliess Gertrud Gut die Wohnung von Andrea Aebischer. Vor dem Haus wurde sie von einem dicken, roten Kater begrüsst, der ihr mit hoch erhobenem Schwanz um die Beine strich. Sie kraulte das Tier zwischen den Ohren, worauf es sich auf die Hinterbeine stellte, um noch mehr Streicheleinheiten zu erhalten. Armer Kerl, dachte Gertrud, der muss auch bald drinnen bleiben. Zuerst die Vögel, dann die Katzen und zum Schluss die Menschen. Was war nur mit der Welt los?
Auf der Fahrt ins Kommissariat versuchte Gertrud, Mia anzurufen. Doch diese nahm nicht ab. Vielleicht war sie in einer Vorlesung und hatte das Handy auf lautlos gestellt, beruhigte sie sich. Sie würde es später nochmals versuchen.
Die Kommissarin schaute nach draussen. Die Häuser und Bäume waren weiss bestäubt. Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Der Frühling schien noch weit entfernt, obwohl es bereits März war. Die Passanten waren dick eingepackt mit Schälen und Mützen, die Köpfe eingezogen, die Hände tief in den Taschen vergraben.
Sie schaute sich im Tram um, ob es etwas Interessantes zu sehen gab. Und tatsächlich, da war er wieder dieser Verbotskleber mit dem musizierenden Mexikaner. Diesmal in 20-Minuten. Die Symbole würden ausgewechselt, die mexikanische Botschaft habe Druck aufgesetzt, konnte sie nur mühsam entziffern. Der Mann, der die Zeitung hielt, sass ihr schräg gegenüber.
Wieso liess man das Schild nicht weg? fragte sich Gertrud. Sollen die Fahrgäste das untereinander regeln. Es war einfach, Verbote auszusprechen und nach der Polizei zu rufen, wenn sie nicht eingehalten wurden.
Man sollte den Leuten etwas mehr Eigenverantwortung zutrauen, fand Gertrud. Musste denn in dieser Stadt alles bis ins letzte geregelt sein? Es war doch nicht die Aufgabe des Staates, den Leuten das Denken abzunehmen, indem man Grenzen setzte, wo immer es ging. Haben wir keine anderen Probleme als musizierende Menschen im Tram?
Sie stieg am Stauffacher aus und ging die letzten paar Meter bis zum Kommissariat zu Fuss.
Im Schneegestöber glaubte sie Sandro Mancini zu sehen. Der hätte ihr jetzt gerade noch gefehlt. Aber das konnte nicht sein. Ihr Assistent war in den Sportferien und kam erst am Montag zurück.


01.3.2006

Folge 8

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Badenerstrasse
Die 2-Zimmer-Wohnung machte einen ordentlichen Eindruck. Die Küche war aufgeräumt, die Kissen sorgfältig auf dem Sofa angeordnet. Auf dem Balkon stand ein weisser Zürisack. Die Romane und die Bücher über Sozialarbeit standen auf dem Büchergestell im Wohnzimmer bündig zur Kante.
Gertrud untersuchte die beiden Zimmer fast eine Stunde lang, zog Schubladen heraus, sah auf den Schränken nach, schaute unters Bett, in Vorratsdosen, hinter Vorhänge, zwischen Kleider. Einen Abschiedsbrief fand sie nicht. Auch keine persönlichen Sachen wie Ausweispapiere, Handy oder Agenda.
Nun war noch das Badezimmer übrig. Neben einem leeren Abfalleimer lag in Griffnähe der Kloschüssel ein Buch über Schönheitsoperationen. Sie blätterte es durch: Faltenbehandlung, Fettabsaugen, Nasen- und Lidkorrektur, Brustvergrösserung. Zuhinterst hatte es eine Reihe von vorher-nachher Bildern. Vor der Operation hatten ihr die Frauen besser gefallen. Vor allem diese 0815-Stupsnasen fand sie ausgesprochen hässlich. Erstaunlich, dass eine Frau von 38 Jahren ein solches Buch las, dachte Gertrud. Sie öffnete den Spiegelschrank: Eine Nivea-Crème, Ohrenstäbchen, ein paar Haarspangen, daneben lagen Spritzen. Noch verpackt.
Da war sie ja mal gespannt, was die Blutuntersuchung der Gerichtsmedizin ergab. Drogenkonsum passte zur mageren Toten. Aber wieso hatte dieser wortkarge Gerichtsmediziner nichts von Einstichen gesagt? Und wieso brachte sich eine Fixerin im See um?
Sie versuchte sich ein Bild von Andrea Aebischer zu machen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Irgendwas passte ganz und gar nicht zusammen.


28.2.2006

Folge 7

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Gertrud klingelte bei Pejicic. Der Staubsauger verstummte. Sonst tat sich nichts.
Branca Pejicic war die Einzige, die sich nach dem Beitrag auf Telezüri vom Vorabend gemeldet hatte. Gertrud konnte noch am selben Abend einen Kollegen organisieren, der mit der Frau ans Institut für Rechtsmedizin fuhr. Frau Pejicic hatte die Tote als ihre Nachbarin identifiziert. Andrea Aebischer, 38 Jahre, wohnhaft im Letzigraben.
Eigentlich war es merkwürdig, dass sich keine Angehörigen gemeldet hatten, fand Gertrud und schaute die Fassade hoch. Oben wurde ein Fenster geschlossen. Sie klingelte noch einmal.
Aber Telezüri war ein Lokalsender. Vielleicht würde sich im Laufe des Tages noch jemand melden, denn das Foto der Toten war heute in allen grösseren Tageszeitungen erschienen.
Ein Mann bog um die Ecke und kam mit grossen Schritten auf sie zu. Er hatte einen angenehm festen Händedruck und stellte sich als Hauswart vor.
«Frau Pejicic hat mich soeben angerufen. Sie musste früher zur Arbeit, als sie gedacht hat. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Wohnung. Sie ist im zweiten Stock.»
Der Teppich im Treppenhaus roch nach nassem Hund. An den trockenen Stellen hatten sich Salzflecken gebildet. Der Hauswart nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, Gertrud versuchte, ihm zu folgen.
«Haben Sie Frau Aebischer gekannt?» fragte Gertrud, etwas ausser Atem geraten.
«Ich habe sie bei der Wohnungsübergabe gesehen. Und das ist auch schon etwa zwei Jahre her.» Er schloss die Türe auf. «Ich lasse sie jetzt lieber allein. Ich bin im Keller. Die Heizung ist ausgestiegen. Sie finden mich unten, wenn sie fertig sind.»


27.2.2006

Folge 6

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Schneeglocken
Gertrud sass im 33-er Bus und fuhr Richtung Albisriederplatz.
Sie hatte schlecht geschlafen. Die Auseinandersetzung mit Mia war ihr ziemlich nahe gegangen. Vor allem ihre heftige Reaktion. Seit Mias Pubertät war es nicht mehr vorgekommen, dass sie die Türe zuknallend das Haus verlassen hatte. Als Gertrud dann am Morgen wie üblich in Mias Zimmer schaute, war es leer, das Bett unbenutzt.
Sicher war sie keine Vorzeigepolizistin, die sich immer an alle Regeln hielt. Auch sie hatte manchmal ihre Mühe mit dem Gesetz. Sie tröstete sich dann jeweils mit der Tatsache, dass die Gesetze dem Willen der Schweizerinnen und Schweizer entsprachen. Doch war es immer richtig, was die Mehrheit wollte? Sie wusste es nicht.
Nach jeder Haltestelle wurde es enger im Bus. Ein junger Mann mit einem Rucksack streifte unsanft ihre Schulter. Gertrud wollte näher zu ihrem Sitznachbarn rutschen, doch der machte sich mit seiner aufgeschlagenen Zeitung breit.
Und schliesslich war Kerim ja nicht bedroht. Er hatte nichts zu befürchten, wenn er wieder nach Marokko ging.
Sie gab dem Rucksack, der sich ihrem Gesicht näherte einen Knuff, der Mann drehte sich wütend um, Gertrud lächelte ihn unschuldig an.
Heute machte sogar Bus fahren keinen Spass.
Beim Albisriederplatz stieg sie erleichtert aus und beschloss, nicht in den 2-er umzusteigen, sondern zu Fuss zum Letzigraben zu gehen.
Im Schaufenster der Bäckerei «Baur» leuchteten pinkfarbene und gelbe Pakete. Sie lief die verschneite Badenerstrasse entlang. Es kam ihr unendlich vor. Eine Autogarage an der andern. Auf der Höhe des Korea-Pavillons hörte sie den Lärm der Baustelle des Letzigrundstadions.
Sie ging den Letzigraben hinauf bis zu den gelben Reihenhäusern, die quer zur Strasse standen. Neben den Steinplatten, die zu den einzelnen Eingängen führten, blühten bereits die ersten Schneeglöckchen. Die Häuser waren ziemlich heruntergekommen. Der Verputz an manchen Stellen mehr grau als gelb. Die Hausnummern auf den Lampen waren kaum zu lesen. Vor den meisten Fenstern im Hochparterre hingen dicke Vorhänge. Aus einer Wohnung drang der Lärm eines Staubsaugers.