28.2.2006

Folge 7

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Gertrud klingelte bei Pejicic. Der Staubsauger verstummte. Sonst tat sich nichts.
Branca Pejicic war die Einzige, die sich nach dem Beitrag auf Telezüri vom Vorabend gemeldet hatte. Gertrud konnte noch am selben Abend einen Kollegen organisieren, der mit der Frau ans Institut für Rechtsmedizin fuhr. Frau Pejicic hatte die Tote als ihre Nachbarin identifiziert. Andrea Aebischer, 38 Jahre, wohnhaft im Letzigraben.
Eigentlich war es merkwürdig, dass sich keine Angehörigen gemeldet hatten, fand Gertrud und schaute die Fassade hoch. Oben wurde ein Fenster geschlossen. Sie klingelte noch einmal.
Aber Telezüri war ein Lokalsender. Vielleicht würde sich im Laufe des Tages noch jemand melden, denn das Foto der Toten war heute in allen grösseren Tageszeitungen erschienen.
Ein Mann bog um die Ecke und kam mit grossen Schritten auf sie zu. Er hatte einen angenehm festen Händedruck und stellte sich als Hauswart vor.
«Frau Pejicic hat mich soeben angerufen. Sie musste früher zur Arbeit, als sie gedacht hat. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Wohnung. Sie ist im zweiten Stock.»
Der Teppich im Treppenhaus roch nach nassem Hund. An den trockenen Stellen hatten sich Salzflecken gebildet. Der Hauswart nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, Gertrud versuchte, ihm zu folgen.
«Haben Sie Frau Aebischer gekannt?» fragte Gertrud, etwas ausser Atem geraten.
«Ich habe sie bei der Wohnungsübergabe gesehen. Und das ist auch schon etwa zwei Jahre her.» Er schloss die Türe auf. «Ich lasse sie jetzt lieber allein. Ich bin im Keller. Die Heizung ist ausgestiegen. Sie finden mich unten, wenn sie fertig sind.»


27.2.2006

Folge 6

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 2. Falsche Fragen ]
Schneeglocken
Gertrud sass im 33-er Bus und fuhr Richtung Albisriederplatz.
Sie hatte schlecht geschlafen. Die Auseinandersetzung mit Mia war ihr ziemlich nahe gegangen. Vor allem ihre heftige Reaktion. Seit Mias Pubertät war es nicht mehr vorgekommen, dass sie die Türe zuknallend das Haus verlassen hatte. Als Gertrud dann am Morgen wie üblich in Mias Zimmer schaute, war es leer, das Bett unbenutzt.
Sicher war sie keine Vorzeigepolizistin, die sich immer an alle Regeln hielt. Auch sie hatte manchmal ihre Mühe mit dem Gesetz. Sie tröstete sich dann jeweils mit der Tatsache, dass die Gesetze dem Willen der Schweizerinnen und Schweizer entsprachen. Doch war es immer richtig, was die Mehrheit wollte? Sie wusste es nicht.
Nach jeder Haltestelle wurde es enger im Bus. Ein junger Mann mit einem Rucksack streifte unsanft ihre Schulter. Gertrud wollte näher zu ihrem Sitznachbarn rutschen, doch der machte sich mit seiner aufgeschlagenen Zeitung breit.
Und schliesslich war Kerim ja nicht bedroht. Er hatte nichts zu befürchten, wenn er wieder nach Marokko ging.
Sie gab dem Rucksack, der sich ihrem Gesicht näherte einen Knuff, der Mann drehte sich wütend um, Gertrud lächelte ihn unschuldig an.
Heute machte sogar Bus fahren keinen Spass.
Beim Albisriederplatz stieg sie erleichtert aus und beschloss, nicht in den 2-er umzusteigen, sondern zu Fuss zum Letzigraben zu gehen.
Im Schaufenster der Bäckerei «Baur» leuchteten pinkfarbene und gelbe Pakete. Sie lief die verschneite Badenerstrasse entlang. Es kam ihr unendlich vor. Eine Autogarage an der andern. Auf der Höhe des Korea-Pavillons hörte sie den Lärm der Baustelle des Letzigrundstadions.
Sie ging den Letzigraben hinauf bis zu den gelben Reihenhäusern, die quer zur Strasse standen. Neben den Steinplatten, die zu den einzelnen Eingängen führten, blühten bereits die ersten Schneeglöckchen. Die Häuser waren ziemlich heruntergekommen. Der Verputz an manchen Stellen mehr grau als gelb. Die Hausnummern auf den Lampen waren kaum zu lesen. Vor den meisten Fenstern im Hochparterre hingen dicke Vorhänge. Aus einer Wohnung drang der Lärm eines Staubsaugers.


24.2.2006

Nervengift, Kapitel 1 - Dicke Luft

Von Sabina Altermatt um 02:03 [ Podcast ]
Nervengift neu auch als Hörbuch-Podcast. Gelesen von Oliver Mannel.

Podcast Kapitel 1

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Folge 5

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 1. Dicke Luft ]
Telezueri
Mia sass vor dem Fernseher. Die eine Hand in einer Tüte Paprika Zweifel-Pommes-Chips, die andere hielt die Fernbedienung.
«Hast du kein Training heute?», fragte Gertrud, als sie den Mantel an die Garderobe hängte.
«Ne, fällt aus.»
«Und wie war's an der Uni?» Gertrud ging zur offenen Küche und stellte die Tulpen, die sie mitgebracht hatte, in eine Vase.
«Ziemlich theoretisch. Wechselkursmodelle.»
Gertrud stellte die Blumen auf den Couchtisch.
«Tulpen? Schon jetzt? Da, schau mal.» Mia deutete auf den Fernseher. Auf Telezüri war der Pressesprecher der Stadtpolizei zu sehen.
«Stell lauter», sagte Gertrud und blieb vor dem Fernseher stehen.
«... wurde heute die Leiche einer ca. 38-jährigen Frau gefunden. Die Identität der Toten konnte bis jetzt nicht festgestellt werden. Die Polizei bittet um Mithilfe. Wer kennt diese Frau? Sachdienliche Hinweise bitte an ...»
«Ist das dein Fall?», fragte Mia, als in den Züri-News bereits ein Beitrag über einen Auftritt der Rolling Stones in Dübendorf gesendet wurde.
«Ja», seufzte Gertrud und liess sich aufs Sofa fallen.
«Und?»
«Was und?»
«Erzähl! Das, was sie nicht gesagt haben.»
«Es gibt nicht mehr Informationen. Das ist das Problem. Keine Kleider, keine Hinweise auf die Identität. Nichts. Ich koch uns mal was.» Sie stand auf, ging zur Küche, nahm eine Pfanne und liess Wasser hineinlaufen.
«Mam, ich muss dich was fragen.»
«Ja?» Sie gab ein Prise Salz ins Wasser.
«Gibt's Spaghetti?»
«Ja, mit Thonsauce. Wolltest du mich das fragen?»
«Nein.» Mia zögerte. «Kann Kerim eine Weile bei uns wohnen?»
«Das kommt jetzt etwas überraschend. Wieso denn?» Sie nahm eine Bratpfanne und gab einen Schuss Öl hinein.
«Er muss bei seinen Kollegen ausziehen.»
«Und findet keine Wohnung?» Sie begann, Zwiebeln zu schälen und zu hacken.
«Ja.»
Gertrud schaute Mia über die Schulter an. «Du verschweigst mir doch was.»
«Er hat gar nicht gesucht. Weil er keine Wohnung bekommt. Ohne Bewilligung.»
«Kerim hat keine Aufenthaltsbewilligung?» Sie gab die Zwiebeln in die Pfanne. Es zischte leise.
«Hab ich doch gerade gesagt. Sein Touristenvisum ist vor einer Woche abgelaufen.»
«Dann muss er ausreisen.»
«Mam, sei nicht so streng, sonst bist du auch nicht so. Du predigst doch immer von gesundem Menschenverstand.»
Gertrud versuchte, ruhig zu bleiben. Sie drehte sich um. «Es ist nicht legal.»
«Ich scheiss' auf das Gesetz, wenn es so idiotisch ist und Leute nicht bleiben dürfen, denen es hier gefällt und die auch bereit sind zu arbeiten.»
«Mia!»
«Dann heirate ich ihn, dann kann er hier bleiben.»
«Wenn du das tust, ...»
«Ja, was? Wirfst du mich dann raus? Brauchst du nicht. Ich gehe freiwillig.»


23.2.2006

Folge 4

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 1. Dicke Luft ]
Gertrud Gut wandte sich wieder dem Gerichtsmediziner zu. Er hob sachte, beinahe zärtlich eine Hand der Toten, legte sie auf seine Handfläche und untersuchte die Fingernägel.
«Sie ist also im Wasser gestorben», nahm Gertrud den Faden wieder auf.
«Sieht so aus, ja.»
«Und die Schürfwunden?»
«Post mortem.» Er wendete sich der andern Hand zu.
Kam da noch was?, fragte sich Gertrud. Sie mochte zwar Leute, die sich kurz und bündig ausdrückten. Doch jemandem alles aus der Nase zu ziehen, war ihr auch zuwider. Das hatte sie schon genug in den Verhören. Sie schaute ihn fragend an.
Er räusperte sich. «Ich meine, die Verletzungen sind durch Kontakt mit dem Untergrund entstanden.»
«Und wann ist sie gestorben?» Gertrud wurde ungeduldig.
«Es ist noch keine Leichenstarre eingetreten. Das geht bei dieser Wassertemperatur fünf bis sieben Stunden.»
«Der Todeszeitpunkt liegt also zwischen ein und drei Uhr in der Früh», rechnete Gertrud.
«Sie sagen es.» Nun untersuchte er die Füsse.
«Hat man die Tote so gefunden?»
«Nein, sie trug einen weissen Mantel.»
«Sonst nichts?»
«Sonst nichts.»
Hat der Mann eine Laune, dachte Gertrud. Wurde man so, wenn man nur mit Toten zu tun hatte? Ertrug man dann die Lebenden nicht mehr?
Der Gerichtsmediziner nickte einem jungen Polizisten zu, der ihr ein Stück nasses Tuch zusammen mit ein Paar Gummihandschuhen entgegenstreckte.
Es war eine Art Kimono, einfach geschnitten, ohne Taschen oder Gürtelschlaufen. Ein Etikett fehlte.
«Handgenäht», sagte sie mehr zu sich.
«Wie bitte?» Der junge Mann schaute sie verwirrt an. Sie streckte ihm den Stoff wieder hin.
«Handarbeit, keine Serienfabrikation.» Sie zog die Handschuhe wieder aus und tastete ihre Manteltaschen ab. Er zuckte mit den Schultern und packte das Tuch zurück in den Plastiksack.
«Gibt es irgendwelche Hinweise auf die Identität der Toten? Weitere Kleider? Eine Tasche? Schuhe?» Sie versuchte, sich zusammenzureissen. Schliesslich konnte der Polizist nichts für den Gerichtsmediziner und auch nichts dafür, dass sie mit dem Rauchen aufgehört hatte.
Er schüttelte verschüchtert den Kopf.
«Wurde das Ufer bereits abgesucht?» Sie kramte einen Nikotinkaugummi aus ihrer Handtasche.
«Bis jetzt haben wir nichts gefunden.»
«Dann suchen Sie weiter. Irgendwie muss die Frau hierher gekommen sein. Und barfuss bei dieser Jahreszeit? Das kann ich mir nicht vorstellen. Und bitte sorgen Sie dafür, dass sie ausgeschrieben wird.»


22.2.2006

Folge 3

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 1. Dicke Luft ]
Am Bürkliplatz stieg Gertrud aus. Die Sonne hatte sich durch den Hochnebel gekämpft, ein paar Wellen glitzerten auf der Wasseroberfläche. Auf der Sechseläutenwiese stemmten gelbe Krane ihre Masten gegen den Himmel.
Die Wasserschutzpolizei war mit dem Boot ausgerückt. Krankenwagen und Polizeiautos standen auf dem Gehsteig, das Gelände war weiträumig abgesperrt. Zwischen den uniformierten Polizisten sah Gertrud auch ein paar Taucher.
Ein Kollege der Seepolizei kam auf sie zu und führte sie auf den gepflasterten Platz. Auf einer dunklen Blache lag der leblose Körper einer Frau, auf dem Rücken, die Beine ausgestreckt. Die Beckenknochen standen spitz hervor. An Stirn, Händen und Fussrücken erkannte Gertrud Schürfwunden. Die Haut war sehr hell. Jemand musste der Toten die langen schwarzen Haare zur Seite drapiert haben. Neben ihr kniete ein Gerichtsmediziner und hob sachte ihren Kopf, um nach Verletzungen zu suchen. Die Leichenstarre hatte scheinbar noch nicht eingesetzt.
«Ertrunken?» fragte Gertrud Gut.
«Sieht so aus. Genaueres ...»
«Erst nach der Obduktion, ich weiss», unterbrach sie den Arzt.
«An der Vogelgrippe wird sie kaum gestorben sein», hörte die Kommissarin plötzlich eine Stimme hinter sich. «Obwohl, als sterbender Schwan hätte sie sich nicht schlecht gemacht.»
Das konnte nur einer sein. Sie drehte sich um. Hinter ihr stand Kopp.
«Der gute Kopp. Ist sich nie für einen Spruch zu schade. Was machen Sie überhaupt hier? Haben Sie keine eigenen Leichen?»
«Doch, doch. Ich war auf dem Weg zur Arbeit und sah die Kollegen. Wer will sich schon eine Leiche entgehen lassen. Und dann noch eine so attraktive ...»
«Wollen Sie tauschen?»
«Ach nein, lieber nicht.» Kopp hatte es auf einmal eilig und lief Richtung Tramhaltestelle davon. Gertrud Gut schüttelte den Kopf.


21.2.2006

Folge 2

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 1. Dicke Luft ]
Verbot
Gertrud Gut hatte soeben den Wasserkocher eingeschaltet, als ihr Handy klingelte.
Das fängt gut an, dachte die Kommissarin. Sie hatte sich auf einen ruhigen Morgen im Büro gefreut. Ein bisschen Schreibarbeit, ein bisschen aufräumen.
Es war die Wasserschutzpolizei. Eine weibliche Leiche sei im See beim Bürkliplatz gefunden worden.
Gertrud stellte den Wasserkocher wieder ab, packte Mantel, Schal und Schlüsselbund, warf noch schnell einen Blick in Mias Zimmer, die wie erwartet noch fest schlief und schon war sie aus dem Haus.
Am Schaffhauserplatz stieg Gertrud in den 11-er Richtung Innenstadt.
Wie immer studierte sie die Werbeplakate. Eine Anzeige warb für Bauchtanz und das Kunsthaus für ein «Fest der Farbe». Ein Aushang fiel ihr besonders auf: «Schön werden und gleichzeitig Geld verdienen», stand da.
Das wär' doch mal was anderes, dachte Gertrud. Sie verdiente nicht schlecht mit ihrer Polizeiarbeit. Aber schön? Nein, das wurde man nicht dabei. Doch mit 54 spielte das auch keine Rolle mehr.
Sie wechselte zu den Schlagzeilen der Gratiszeitung 20-Minuten, welche die Frau vor ihr las. Ein Berner hatte im Casino 5,2 Millionen gewonnen und eine US-Fernsehserie über zwei Schönheitschirurgen ging in die 2. Staffel.
Eine angenehm tiefe Stimme liess sie aufblicken. Vorne im Tram stand ein etwas älterer Afrikaner, dunkel gekleidet mit Lederjacke und Baseballmütze – und sang. Den Blick in die Weite gerichtet. Mit einer Eindringlichkeit, die Gertrud erschaudern liess. Es waren diese kleinen Dinge, die das Tram fahren ausmachten, fand die Kommissarin.
Oft wurde sie von den Kollegen belächelt, wenn sie mit Tram oder Bus an den Tatort kam. Doch Gertrud sah nicht ein, wieso man in dieser Stadt, die so gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen war, ein Auto brauchte und dazu noch ein möglichst grosses. Für das man sich schämen musste, wie der Sprecher der Stadtpolizei, der sich jeweils das Fahrzeug der Freundin für öffentliche Auftritte auslieh.
Der Mann sang noch ein zweites Lied, zog seine Baseballkappe ab und machte die Runde. Die Fahrgäste zeigten sich erstaunlich grosszügig. Weil Singen seit kurzem im Tram verboten war? Gertrud blickte auf die Reihe Verbotstafeln, die oberhalb des Fensters angebracht waren und gab ihm zwei Einfränkler.


20.2.2006

Folge 1

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 1. Dicke Luft ]
Exklusiv in der Onlineausgabe des «Tages-Anzeigers» erscheint ab heute «Nervengift», ein Krimi in 60 Folgen von Sabina Altermatt.
Von Montag bis Freitag wird jeweils um Mitternacht eine weitere Episode des laufend geschriebenen Fortsetzungskrimis aufgeschaltet - 60 Folgen lang. Die Idee dahinter verspricht aktuell aufbereitete Spannung mit Zürcher Lokalkolorit.
Ausserdem erfährt man über weiterführende Links allerlei Interessantes über Hintergründe, Recherchen und die Entstehung dieses Zürcher Krimis. Zudem haben die LeserInnen die Möglichkeit, zu jeder Folge einen Kommentar abzugeben.


Landesteg
Es war kalt an diesem Februarmorgen. Der Zürichsee lag dunkel und träge in seinem Becken, ab und zu schwankten ein paar müde Wellen gegen das Ufer. Eine Gruppe von Schwänen, Enten und Tauben hatte sich in der Nähe des Landungssteges beim Bürkliplatz versammelt. Die einen schliefen an Land, die Schnäbel fest im Gefieder vergraben, andere liessen sich vom Wasser leicht hin und her wiegen.
Ein kleiner Hund trippelte auf den Drahtzaun zu, hinter welchem die Tiere dösten, und welcher die Uferzone vom Trottoir abgrenzte. Aufgeregt lief er das Gitter entlang und jaulte beim Anblick der Vögel. Doch diese liessen sich nicht stören und schliefen ruhig weiter.
Einzig eine Taube pickte nervös an einem Blatt herum, schleuderte es mit dem Schnabel in die Luft, sodass es schliesslich auf ihrem Rücken landete. Sie drehte sich wild im Kreis und stiess mit einem Blässhuhn zusammen, das sich lauthals beschwerte. Die Taube machte einen Satz, wobei das Blatt von ihrem Rücken fiel.
«Komm Joséphine, hierher», sagte die Frau, bückte sich und klopfte mit der Hand ein paar Mal leicht auf ihren Oberschenkel. Doch die Hündin reagierte nicht.
«Jetzt komm aber.» Sie ging auf Joséphine zu, die am Gitter hochsprang und einen Schwan ankläffte, und nahm sie an die Leine.
Sie wollte sich gerade umdrehen, da sackte der Vogel in sich zusammen. Sie schaute genauer hin. Das war gar kein Schwan. Da lag etwas Weisses im Wasser. Es sah aus wie ein Tuch. Sie ging auf die Landungsbrücke und zog Joséphine hinter sich her, die sich mit allen vier Pfoten dagegenstemmte, und schaute aufs Wasser hinunter.
Wirklich, da lag ein Tuch – oder war es ein Mantel? – und darin steckte zusammengekauert eine Frau. Sie sah deutlich die schwarzen, langen Haare, die sich wie kleine Schlangen in den Wellen bewegten.
Sie blickte um sich, doch es war niemand da, an den sie sich hätte wenden können. Nur Lastwagen, die beim Anfahren heiser stotterten und Richtung Bellevue fuhren, und leere Trams, die sich von beiden Seiten her auf den Platz schoben, kurz anhielten und weiterfuhren. Sie kramte ihr Handy aus der Tasche und tippte die Nr. 117 ein.