31.3.2006

Nervengift, Kapitel 6 - Neuer Verdacht

Von Sabina Altermatt um 02:03 [ Podcast ]
Nervengift als Hörbuch-Podcast. Gelesen von Oliver Mannel.

Podcast, Kapitel 6

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Folge 30

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 6. Neuer Verdacht ]
Mancini setzte sie am Schaffhauserplatz ab. Den Rest ging Gertrud zu Fuss. Trotz Sommerzeit war es bereits dunkel. Sie ging den Hügel hinauf, den Vorgärten entlang und dachte an Frau van der Meer. War sie eine Mörderin? Oder gar eine Doppelmörderin? Mancinis Argumente hatten sie in keiner Weise überzeugt. Doch sie wusste wie es war, wenn der Mensch, dem man sich am nächsten fühlte, einem betrog. Sie hatte das auch schon erlebt. Wenn von einem Tag auf den anderen plötzlich alles anders war. Und dass man diesen Menschen am liebsten umbringen würde, das konnte sie nachvollziehen. Den Hals hätte sie Erich damals umdrehen können.
Wenn Frau van der Meer aber die Mörderin war, dann ging auch die Festplatte auf ihr Konto. Schliesslich machte es keinen Sinn, dass der Sozialzentrumsleiter die Daten vernichtete, als seine Frau bereits von seinem Verhältnis wusste. Doch wieso hätte sie das tun sollen? Und wieso gleich alle beide umbringen? Auch stand nicht fest, ob van der Meer der Vater des Kindes war und ob er überhaupt etwas mit Andrea hatte.
Gertrud bog in den Zanggerweg ein. Die Häuser warfen warmes Licht in die Nacht. Merkwürdig, auch ihr Haus. Sie ging hinein. Im Korridor roch es nach Tomatensauce. Auf dem Herd brodelten Teigwaren in einer Pfanne. Die Scheiben hatten sich beschlagen. Sie nahm den Topf vom Herd. Der Tisch war flüchtig gedeckt. Das konnte nur ihre Tochter sein.
Mit einem Wäschekorb kam sie sogleich aus dem Keller herauf, rief «high Mam», wie wenn nichts gewesen wäre und trug die Wäsche in ihr Zimmer.
Hatte Gertrud etwas nicht mitgekommen?
«Es gibt Penne mit Tomatensauce», sagte Mia und sauste an ihr vorbei zum Herd.
«Du, ich hab aber schon ...»
«Macht nichts. Leistest du mir Gesellschaft?» Mia schüttete das Wasser ab, gab die Penne in einen Teller und leerte die Sauce darüber. Gertrud zog den Mantel aus und setzte sich an den Tisch.
Erst, als sie Mia gegenübersass, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihre Tochter hatte ein blaues Auge.


30.3.2006

Folge 29

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 6. Neuer Verdacht ]
Kebap
Am liebsten wäre Gertrud mit dem Tram nach Hause gefahren. Doch Mancini hielt ihr bereits die Autotür auf. Für einen Rückzieher war es zu spät.
Sie ärgerte sich über das Verhalten ihres Assistenten. Und über Frau van der Meer, die ihr in den Rücken gefallen war, indem sie die Eskapaden ihres Mannes freimütig zugab.
Am Albisriederplatz meldete sich ihr Magen und sie erinnerte sich, dass ihr Kühlschrank zu Hause wieder mal gefüttert werden müsste. Sie fragte Mancini, ob er auch Lust auf einen Kebap habe. Er nickte und lenkte das Auto auf ein Parkfeld hinter dem Albisriederplatz.
Gertrud nahm einen Kebap ohne Zwiebeln, dafür mit viel scharfer Sauce. Mancini bestellte dasselbe.
«Und, welchen Eindruck haben Sie von Frau van der Meer?» fragte Gertrud und biss in das Brot.
«Sie hat ihren Mann umgebracht.»
«Ah ja? Und wieso?»
«Das liegt doch glasklar auf der Hand. Ihr Mann hat sie betrogen, da kann sie noch lange sagen 'Wir sehen das nicht so eng'.» Er legte seinen Kebap ab und imitierte Frau van der Meer, indem er seine Lederjacke enger um sich zog, was jedoch nicht ganz klappte, weil Leder im Vergleich zu Strick nicht nachgab und weil bei seinem Umfang nicht viel vorig war.
«Die hat es nicht ertragen, dass er mit einer Jüngeren rumgemacht hat. Sie hat Andrea in der Badewanne gefunden, hat sie ersäuft und dann hopp in den See. Und dann hat sie aus der Zeitung erfahren, dass Andrea schwanger war und ihn aus Wut auch gleich erschlagen.» Er biss in den Kebab. Das Fett tropfte zu Boden.
«Das stand nicht in der Zeitung.»
«Was?» fragte er mit vollem Mund. Ein Stück Fleisch hing gefährlich weit aus dem Brot heraus.
«Dass sie schwanger war.»
«Ach so. Egal. Dann hat sie ihn umgebracht, weil er sie verlassen wollte.» Er erwischte das Fleischstück gerade noch.
«Blödsinn. Aber wenn ich ehrlich bin, mir machte die Frau auch einen zu gefassten Eindruck.»
«Sehen Sie!»
«Ich hätte ihr die Todesnachricht gerne selber überbracht. Es gibt da einen winzigen Moment, da sind die Leute offen. Den darf man nicht verpassen.»
«A propos Badewanne», sagte Mancini.
Gertrud wischte sich den Mund ab und schaute ihn fragend an.
«Das hab ich Ihnen noch gar nicht mitgeteilt. Heute Nachmittag habe ich vom Labor Bescheid bekommen. Sie haben den Stoff untersucht. Und wissen Sie, was sie gefunden haben?»
«Nun machen Sie es nicht so spannend.»
«Badesubstanzen. Irgendwelche Öle. Weiss jetzt auch nicht mehr genau, wie die hiessen. Aber ich habs mir aufgeschrieben und werde mich morgen drum kümmern.»
«Tun Sie das. Aber ich warne Sie. Ich möchte diesmal keine Kosmetikabteilung in meinem Büro.»


29.3.2006

Folge 28

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 6. Neuer Verdacht ]
Gertrud blickte zu van der Meers Haus hoch. Sie sah Frau van der Meer am erhellten Fenster stehen, in einer beigen Strickjacke und mit verschränkten Armen. Es schien, als würde sie auf jemanden warten.
Lisa van der Meer empfing sie ebenso freundlich wie letztes Mal.
Sie führte Gertrud und Mancini ins Wohnzimmer. Die Aussicht war auch bei Dunkelheit beeindruckend. Die Kommissarin und ihr Assistent setzten sich auf das schwarze Ledersofa. Frau van der Meer blieb stehen.
«Ich muss Ihnen etwas mitteilen», begann Gertrud.
«Ich weiss, mein Mann ist tot. Ich wurde soeben vom Sozialzentrum angerufen. Wollen Sie etwas trinken?»
«Nein, danke. Ich, das heisst wir möchten Ihnen unser Beileid aussprechen.»
«Er wurde erschlagen, nicht wahr? Wissen Sie, wer es war?» Sie setzte sich ebenfalls.
«Die Ermittlungen laufen noch. Haben Sie eine Vermutung?»
«Sein Job war nicht einfach. Die Leute oft in einer schwierigen Situation. Ab und zu ist jemand ausgerastet. Aber deshalb bringt man doch niemanden um.» Sie zog die Jacke enger um sich und band den Gürtel neu.
Gertruds Handy läutete. Sie entschuldigte sich und ging in den Flur. Es war Mia.
«Du möchtest was? Nein, ich kann jetzt nicht. Ich rufe dich später an.» Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück. Dabei hörte sie Mancinis beschlagene Stimme. «Wissen Sie, dass Ihr Mann ein Verhältnis hatte?»
«Mancini, was stellen Sie für Fragen! Bitte entschuldigen Sie, Frau van der Meer.» Sie schaute ihn böse an.
«Wir haben das nicht so eng gesehen», antwortete Lisa van der Meer ruhig. Sie wandte sich an Gertrud. «Sie wissen sicher, wie das ist. Nach 15 Ehejahren. Da lässt manches nach. Es hat verschiedene Frauen gegeben.»
«Auch Andrea Aebischer?»
«Das weiss ich nicht. Ich wollte nicht über jedes Detail Bescheid wissen.»
«Haben Sie Frau Aebischer gekannt?»
«Ich habe Sie mal an einem Weihnachtsapéro getroffen. Eine sehr sympathische Frau. Sie meinen, ich hätte meinen Mann erschlagen?»
«Wo waren Sie um fünf Uhr?» wollte Gertrud wissen, ohne die Frage direkt zu beantworten.
«Hier in meiner Wohnung.» Sie schaute Gertrud direkt in die Augen.
«Gibt es dafür Zeugen?» fuhr Mancini dazwischen.
«Nein, ich war allein.»

«Können Sie mir sagen, was das vorher sollte?» fragte Gertrud Mancini, als sie das Haus verlassen hatten.
«Ich dachte, versuchen kann man immer. Das häufigste Tatmotiv ist doch ...»
«Sie haben wohl zu viel Tatort geschaut.»
«So falsch gelegen bin ich ja nicht.»
«Das werden wir sehen.»


28.3.2006

Folge 27

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 6. Neuer Verdacht ]
Mancini betrat das Büro und stellte sich neben Gertrud, die dem Schreibtisch den Rücken zuwandte. Die Winterbräune hatte noch nicht in sein Gesicht zurückgefunden.
«Na, gehts besser, junger Mann? Ist nicht jedermanns Sache so viel Blut», foppte Kopp.
«Es sind zum Glück nicht alle so abgebrüht wie Sie.» Gertrud schaute ihn böse an.
«Dann kann ich mich ja verabschieden. Haben schon ein wenig Pech diese Sozialzentren. Zuerst nehmen die Missbräuche zu und dann wird noch das Personal umgebracht.»
«Und wo genau ist hier der Zusammenhang?» fragte Gertrud Kopp scharf.
Er zuckte mit den Schultern. «Finden Sie's raus. Ich wünsche allerseits einen schönen Frühlingsabend.»
Mancini wich nicht von Gertruds Seite, obwohl sie nun nebeneinander standen wie Hühner auf der Stange.
«Sie können draussen warten, wenn Ihnen das lieber ist.» Mancini wirkte erbärmlich, seine Postur machte alles noch schlimmer.
«Nein, danke, es geht schon.» Er schielte zum Schreibtisch.
«Ja dann, wollen wir mal diese Plastik suchen.»
«Die liegt dort im Papierkorb», Mancini deutete zaghaft auf einen grauen Plastikkübel, der in der Ecke stand und mit Nur Papier angeschrieben war.
Gertrud schaute nach. «Da konnte jemand nicht lesen.» Zwischen ein paar blutigen A4-Blättern lag die Steinplastik. Der Täter musste sie hier hineingeworfen haben. Sie winkte einem Kollegen von der Spurensicherung. Der hob die Skupltur vorsichtig heraus und steckte sie in eine Plastiktüte.
«Gratulation, Mancini!»
«War eher Zufall. Mir war schlecht und ich meinte, ich müsste mich übergeben und dann bin ich zum Papierkorb gegangen.»
Ein Arzt kam herein. «Wir müssen die Frau, die den Toten gefunden hat, mitnehmen. Sie ist zusammengebrochen.»
«Ist gut», sagte Gertrud zum Sanitäter und «Mist» zu Mancini. «Das kann eine Weile dauern, bis wir sie vernehmen können.»
«Aber das habe ich doch bereits getan.»
«Was?»
Mancini strahlte. «Als ich kam, war sie noch ganz da. Da habe ich gedacht, ich spreche schnell mit ihr. Man weiss ja nie, vielleicht hat jemand einen Schock und funktioniert noch eine Weile und dann ... Dem Toten konnte man sowieso nicht mehr helfen. Und da war bereits Kopp, der die Leute rumkommandiert hat.»
«Das kann ich mir vorstellen. Und, hat sie was gesehen?»
«Wie jemand aus van der Meers Büro gekommen ist. Die Person hat sehr nervös gewirkt und trotzdem die Türe vorsichtig und lautlos geschlossen.»
«Gute Beobachtungsgabe, die junge Frau.»
«Ja und deshalb ist sie dann auch gleich hingegangen um nachzuschauen.»
«Hat sie jemanden erkannt?»
«Die Person sei mittelgross gewesen und hat ein dunkelblaues Sweatshirt mit hochgezogener Kapuze getragen. Und Turnschuhe. Ob es ein Mann war oder eine Frau, konnte sie nicht erkennen.»
«Das ist ja schon mal etwas. Wir müssen Frau van der Meer benachrichtigen. Kommen Sie mit?»


27.3.2006

Folge 26

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 6. Neuer Verdacht ]
«Andrea Aebischer war eine gute Frau», sagte Barbara Brand, als Gertrud bereits im Treppenhaus war. «Sie hat sich für ihre Leute eingesetzt.»

Vor dem Sozialzentrum Aussersihl standen mehrere Polizeiautos und eine Ambulanz. Eine uniformierte Polizistin sass in einem offenen Wagen und telefonierte. Auf der Bank vor dem Gebäude sass ein Mann. Daneben kniete ein Sanitäter. Es war Mancini. Trotz seiner Winterbräune sah er bleich aus. Er bemühte sich, zu lächeln.
«Das wird schon wieder», sagte Gertrud und klopfte ihm auf die Schulter.
Im Gang heulte die Sekretärin mit den falschen Fingernägeln. Sie wurde von einer Kollegin gestützt. Scheinbar hatte sie den Toten entdeckt. Van der Meers Büro wurde von ein paar Uniformierten abgeriegelt.
«Ich hoffe, Sie haben einen guten Magen.»
«Was machen Sie schon wieder hier?» fragte Gertrud Kopp.
«Jemand muss doch zur Stelle sein und zum Rechten sehen. Für Ihren Mancini war das offensichtlich eine Nummer zu gross und Sie, lassen Sie mich raten, Sie sind sicher mit dem Tram angereist.»
Sie betrat das Büro ohne auf ihn weiter einzugehen. Van der Meer sass an seinem Tisch, vornüber gebeugt, das Gesicht auf der Schreibunterlage. Am Hinterkopf klaffte eine Wunde. Das Blut hatte sich über den ganzen Schreibtisch ausgebreitet und tropfte auf den Boden.
Zu Gertruds Freude war diesmal eine Gerichtsmedizinerin dabei. Sie hatte dunkle Haare und Sommersprossen. Eine spezielle Kombination, fand Gertrud. Die Ärztin sprach mit leichtem italienischem Akzent, was sie sympathisch machte.
«Der Mann ist mit einem harten Gegenstand erschlagen worden. Mit irgendetwas Stumpfen». Gertrud kamen sogleich die wulstigen Plastiken in den Sinn. Sie blickte zum Metallmöbel. Die mittlere fehlte.


24.3.2006

Nervengift, Kapitel 5 - Erste Ergebnisse?

Von Sabina Altermatt um 02:03 [ Podcast ]
Nervengift als Hörbuch-Podcast. Gelesen von Oliver Mannel.

Podcast, Kapitel 5

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Folge 25

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Werdwies
Nachdem sie bereits mehrmals vergeblich versucht hatte, Andrea Aebischers Bruder zu erreichen, kramte Gertrud ihren Notizzettel hervor, auf dem sie die beiden Namen aus den Klientendossiers aufgeschrieben hatte. Sie dachte zwar, dass eine Auswahl von zwei aus hundert ziemlich zufällig war. Doch auch in der Polizeiarbeit brauchte man ab und zu einen Zufall, davon war sie überzeugt. Nur mit Logik war das nicht zu schaffen.
Sie versuchte es zuerst bei Marita Klein. Das war das Dossier mit den fehlenden Gesprächsnotizen. Doch auch hier war niemand zu Hause. Mehr Erfolg hatte sie bei Barbara Brand, bei der allein erziehenden Mutter, die eine Ausbildung machen wollte.
Frau Brand war am Telefon nicht sehr freundlich. «Habt ihr diese Sozialdetektive nun doch eingeführt?» war ihre erste Frage.
Als Gertrud ihr erklärte, dass es um den Tod von Andrea Aebischer ging, beruhigte sie sich etwas.
«Also machen Sie's kurz. Ich hab zu tun.»
«Ich würde gerne bei Ihnen vorbeikommen und Ihnen ein paar Fragen stellen.»
«Hören Sie. Wir sind hier gerade frisch eingezogen und da stehen überall ...»
«Sie können selbstverständlich auch aufs Kommissariat kommen, wenn Ihnen das lieber ist.»

Gertrud fuhr mit dem 4-er in die Grünau und staunte, wie schnell sie da war. Das Quartier schien ihr weiter weg, als es in Wirklichkeit war. Das lag vielleicht daran, dass Brücke, Limmat und Autobahn es von der übrigen Stadt abschnitten.
Barbara Brand, eine zierliche Frau mit dünnen, schulterlangen Haaren, stand bereits unter der Tür und erwartete sie. Im Flur türmten sich Bananenschachteln. Sie setzten sich aufs Sofa.
«Mich interessiert vor allem die Geschichte mit dieser Ausbildung», kam Gertrud direkt zur Sache. «Wie ich den Unterlagen entnehmen konnte, haben Sie einen Antrag zur Finanzierung einer Erstausbildung gestellt.»
«Genau.» Sie strich sich die Fransen aus dem Gesicht. «Und irgendso ne Kommission, hat gemeint, dass ich diese Ausbildung nicht brauche und auch ohne sie Chancen habe, einen Job zu finden.»
«Und, haben Sie?»
«Wär ich dann tagsüber zu Hause?»
«Und was war die Meinung von Frau Aebischer zu diesem Entscheid?»
«Genervt hat sie sich. Weil sie weiss, wie schwierig es ist, ohne richtige Ausbildung ...»
«War es nicht ganz anders? Sie haben Andrea Aebischer die Schuld daran gegeben, dass Sie die Ausbildung nicht machen konnten. Und haben sie deshalb ...»
Barbara Brand sprang auf. «Sie sind ja nicht ganz ...»
«Bitte keine Beamtinnenbeleidigungen», fuhr ihr Gertrud ins Wort. «Das kostet.»
Die zierliche Frau setzte sich wieder aufs Sofa und nahm ein Kissen auf den Schoss. Ein Tram fuhr vorbei. Sie nestelte an den Zotteln.
«Ja stimmt. Ich habe sie mal angeschrieen und den Locher, der auf ihrem Tisch stand, an die Wand geknallt. Aber dann habe ich gemerkt, dass Frau Aebischer ja nur ihr bestes tut. Dass sie gewisse Entscheide einfach ausführen muss und dass ich sie in eine unmögliche Situation gebracht habe.»
«Wieso das?»
«Sie muss sich deswegen mit ihrem Chef verkracht haben. Einmal ist er zufällig hereingekommen. Sie hätten ihren Blick sehen sollen. Da war nur noch Hass.»
«Und was hat er gemacht?»
«Rechtsumkehrt, als er gesehen hat, dass da noch jemand ist.»
«Und wie ist es dann ...», Gertruds Handy klingelte. «Bitte entschuldigen Sie.» Sie stand auf und trat ans Fenster. Unten rannten ein paar Kinder um den Block.
Es war Mancini. Sie müsse sofort kommen. Ein Toter. Im Sozialzentrum Aussersihl.


23.3.2006

Folge 24

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Bernerhof
Sie trafen sich wie immer im Bernerhof. Sie wusste nicht mehr, wann sie begonnen hatten, ihre Sitzungen hier abzuhalten. Zuerst war die Nähe der Grund gewesen, dann die Distanz, die sich in der Öffentlichkeit besser einhalten liess.
Das Esslokal war zu dieser Zeit beinahe leer.
«Gertrud, ich glaube, du verrennst dich da in etwas», sagte Gian Bisaz und nahm einen Schluck Mineralwasser. Gertrud hatte sich einen Kaffee bestellt.
«Du meinst diesen van der Meer? Hat Mancini ...»
«Ich brauche keinen Mancini, um so etwas zu merken», fiel er ihr ins Wort. «Mir genügt dein Bericht. Wenn ich dich nicht besser kennen würde, hätte ich beinahe den Eindruck, dass du nicht professionell vorgehst bei diesem Fall.»
«Ach, Gian». Sie legte ihre Hand auf seine. «Wie du doch immer alles merkst.»
Er zog seine Hand weg. «Ich merke sogar, dass dieser van der Meer eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Erich Gut aufweist.»
«Nun hör aber auf!»
«Gertrud, ich meine es ernst. Als dein Chef und dein Freund. Du wirst den Karren in den Dreck fahren, wenn du so weitermachst. Und ich habe keine Lust, dir zu helfen, ihn da wieder raus zuziehen.»
«Du willst mir den Fall entziehen?» Sie griff nach ihrer Handtasche.
«Du solltest mich besser kennen.»
«Ich muss ihn also abschliessen.» Sie kramte darin herum, doch die Kaugummis fand sie nicht.
«Jetzt sei nicht immer so streng mit dir! Diese 7-Tage-Regel ist doch eine unverbindliche Vorgabe. Weiter nichts. Aber das weisst du auch. Wir machen doch hier keine 7-Tage-Rennen. Es ist unsere Pflicht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Sei das nun bei der Ermittlung, im technischen oder im gerichtsmedizinischen Bereich. Mit der Betonung auf alle. Und wie ich deinem Bericht entnehmen konnte, gibt es da zum Beispiel noch einen Bruder.»
«Den hab ich nicht erreichen können.» Musste sie sich nun rechtfertigen wie eine Schülerin, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte? Aber er hatte Recht. Wieso war sie so auf diesen van der Meer eingeschossen? Mit der Nachbarin von Andrea Aebischer hatte sie auch noch nicht gesprochen. Und dann gab es noch diese beiden Dossiers.
«Hatte die Tote einen Freund? Hast du das abgeklärt?» Sie gab ihm keine Antwort. «Und wenn wir schon dabei sind», fuhr Bisaz fort, «ich verstehe, dass du dich vor Ort umsehen möchtest. Aber an den Computer von Andrea Aebischer gehören Spezialisten. Und nicht Frau Gut. Auch solltest du dir nicht die halbe Nacht in diesem Sozialzentrum um die Ohren schlagen. Alleine.»
«Also doch.» Sie beugte sich zu ihm vor.
«Ja, klar mache ich mir Sorgen. Was ist los mit dir?» Er nahm noch einen Schluck Wasser.
«Das meinte ich nicht. Du bist also auch der Meinung dieser van der Meer ...»
«Nein, bin ich nicht.» Er stellte das Glas hart auf dem Untersetzer ab.
«Immerhin hat die Datenforensik am nächsten Tag alles untersucht, die sind vif diese Jungs. Uns ist nichts entgangen, wenn du das andeuten wolltest. Auch wenn Frau Gut wie immer dem Ganzen etwas vorgegriffen hat. Eigenmächtig, wie sie ist.»
«Wie geht es mit Mancini?» Gian wechselte abrupt das Thema.
«Frag besser nicht.»
«Das hab ich mir gedacht.»


22.3.2006

Folge 23

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Warnung
Gertrud wartete auf den Bus. Gemäss Anzeigetafel musste er in genau drei Minuten eintreffen. Es war sieben Uhr. Der Schaffhauserplatz wirkte verschlafen. Ausser den Trams hatte es noch nicht viel Verkehr. Die Vögel kündigten einen weiteren Frühlingstag an. Der Bus kam pünktlich. Gertrud stieg ein, wechselte am Albisriederplatz in den 3-er und fuhr bis zur Fellenbergstrasse.
Das Zentrum von Albisrieden erinnerte sie mit dem rustikalen Einkaufszentrum Albisriederdörfli und dem Intersport-Geschäft an einen Skiort. Dazu das Plakat von Euromillions, das einen Gewinn von 285 Millionen Franken versprach. Was man wohl machte mit soviel Geld? Konnte man mehr als ein Leben leben?
Sie ging die Albisriederstrasse entlang und bog in den Lyrenweg ab. Links und rechts der schmalen Strasse waren Einfamilienhäuser aus den fünfziger Jahren ordentlich aufgereiht. Ursprünglich mussten alle gleich ausgesehen haben. Doch im Laufe der Jahre hatten die einen Wintergärten erhalten, andere waren aufgestockt worden. Auch waren sie in unterschiedlichem Zustand. Eines wurde gerade umgebaut, ein anderes war frisch gestrichen, bei einem weiteren bröckelte der Verputz. Individuell waren auch die Gärten gestaltet. Neben einem alpinen Steingarten lag englischer Rasen, in dem sich Grashalm an Grashalm reihte wie frisch gekämmt. Auch die Grenzen um die Grundstücke waren auf verschiedene Art gezogen. Die einen Eigentümer setzten auf den altbewährten Holzzaun, andere hatten mit Buchs immergrüne Mauern gezogen. Vereinzelte setzten mehr auf psychologische Abschreckung, indem sie Tafeln mit böse aussehenden Hunden an das Gartentor montiert hatten. Das einzige Einheitliche war, dass vor jedem Haus ein bis zwei Autos standen.
Die Nummer 73 lag nicht direkt an der Strasse, sondern eine Reihe weiter hinten, am Hang. Gertrud ging die Steintreppe hinauf. Das Haus hatte verschiedene Anbauten aus Holz. Es war eines der schönsten, was Gertrud wenig erstaunte. Schliesslich hatte van der Meer Stil und am nötigen Kleingeld würde es ihm sicher auch nicht fehlen.
Gertrud drückte die Klingel, die mit van der Meer - Stauffer angeschrieben war.
Ein Frau Mitte vierzig mit blonden, hochgesteckten Haaren öffnete und begrüsste sie freundlich. Sie trug enge, beige Hosen und eine weisse Bluse. Am Mittelfinger hatte sie einen Ring mit einem grossen Stein. Gertrud stellte sich vor und fragte nach Christiaan van der Meer. Der sei bereits im Büro, erwiderte seine Frau. Er sei ein Frühaufsteher. Aber sie solle doch bitte kurz hereinkommen, sie habe gerade Milch auf dem Herd. Gertrud betrat das Haus und kam in einen Raum mit einem grossen Fenster mit Sicht über die ganze Stadt. Sie musste sich im Anbau befinden. Auf dem Sims stand ein Strauss mit französischen Tulpen.
«Schön, haben Sie's hier. Wirklich. Diese Aussicht», sagte Gertrud in Richtung Tür, hinter der Frau van der Meer verschwunden war.
«Danke», antwortete es aus der Küche. «Ich habe das Haus von meinen Eltern geerbt.» Sie kam zurück und strich sich mit beiden Händen über die Hüften. «Wollen Sie einen Kaffee?»
«Nein danke, ich muss dann wieder.»
«Schade, dass Sie meinen Mann verpasst haben. Am besten, Sie versuchen es in seinem Büro.»


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