10.3.2006

Folge 15

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 3. Kleine Missgeschicke ]
Als Gertrud am nächsten Morgen das Sozialzentrum betrat, kam ihr Christiaan van der Meer entgegen. Er wirkte nervös. Auf dem Weg zu Andrea Aebischers Arbeitsplatz erzählte er, was passiert war: Er hatte die Informatikabteilung beauftragt, das Passwort zurückzusetzen. Doch aus noch nicht geklärten Gründen wurde der Auftrag falsch verstanden und der Account gelöscht. Somit waren alle Daten, inklusive Mail, die Andrea auf ihrem Computer gespeichert hatte, verloren. Für immer.
Dem Sozialzentrumsleiter schien das unsäglich Leid zu tun. Mit hängendem Kopf sass er auf Andrea Aebischers Schreibtisch und starrte auf sein Schuhe.
Gertrud verspürte beinahe Mitleid. Der Mann hatte seine ganze Souveränität verloren. Das, was ihn vorher so anziehend machte, wirkte jetzt gewöhnlich. Wie ein Schwan, der am Ufer herumwatschelte. Gertrud kam zum Schluss, dass es nicht an ihr war, ihn zu trösten. Im Gegenteil. Hatte man die Daten etwa absichtlich gelöscht? Doch sie erinnerte sich an die Zeit, als die Kriminalpolizei noch nicht beim Kanton sondern bei der Stadtverwaltung angesiedelt war. Da waren solche Missgeschicke an der Tagesordnung.
«Dann muss ich Sie bitten, mir wenigstens die Dossiers, die Andrea Aebischer betreut hat, auszuhändigen.»
«Das geht leider nicht. Die sind alle elektronisch gespeichert.»
«Jetzt sagen Sie nur nicht, dass diese auch ...»
«Ja, also nein, natürlich nicht. Die Klientendaten liegen auf einem zentralen Server. Ich kann Ihnen einen Computer zur Verfügung stellen und Sie können sich dann alle ...»
«Wie viele Fälle hat Frau Aebischer betreut?»
«Sie war eine der wenigen, die 100 Prozent angestellt sind, dann dürften es ...», er machte eine Pause und strich sich über das glatt rasierte Kinn, «... etwas über 100 sein. Sie können sie gerne hier einsehen.»
«Gut», sagte Gertrud Gut. «Aber vorher möchte ich mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen.»



09.3.2006

Folge 14

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 3. Kleine Missgeschicke ]
Die einzelnen Arbeitsplätze waren mit Gestellen, die zugleich als Sichtschutz dienten, voneinander getrennt. Der Tisch von Andrea Aebischer war genauso aufgeräumt wie ihre Wohnung. Die Schreibunterlage war leer. In einer Ecke stapelten sich ein paar Sichtmappen. Auf einem Corpus stand ein Halter, in dem eine Postkarte mit einer Sonnenblume steckte. Gertrud drehte sie um. Die Rückseite war unbeschriftet. In der Schublade lagen Schreibstifte, Post-it, Büroklammern und Papiernastücher. Persönliche Dinge fehlten auch hier.
«Kann ich mal einen Blick in ihren Computer werfen?» fragte Gertrud Frau Brunner, die etwas hilflos daneben stand.
Das gehe leider nicht, meinte diese. Sie hätten das Couvert mit dem Passwort noch nicht gefunden. Aber am Nachmittag käme jemand von der Informatik und werde das Kennwort zurücksetzen. Vielleicht könne sie morgen nochmals herkommen? Es war ihr sichtlich peinlich.
Gertrud sprach noch mit ein paar Mitarbeitenden, welche das Bild, das ihr der Sozialzentrumsleiter von Andrea Aebischer vermittelt hatte, bestätigte. Andrea hatte sich immer sehr für ihre Klienten engagiert, die einen nannten es übereifrig, die anderen meinten es anerkennend. Einmal hatte sie sich sogar mit dem Chef angelegt, als es um die Frage ging, ob einer allein erziehenden Mutter eine Ausbildung bezahlt werden soll oder nicht.
Auch sie wussten nichts von einer Bedrohung. Es käme schon hin und wieder zu schwierigen Situationen. Doch Andrea habe das immer gemeistert.
Sie verabredete sich mit Frau Brunner für den nächsten Tag. Christiaan van der Meer tauchte nicht mehr auf.

Gertrud öffnete das Gartentor und betrachtete das dunkle, verlassene Haus. Vielleicht war Mia beim Training, tröstete sie sich. Doch als sie nach der Sendung 10 vor 10 den Fernseher ausschaltete, war Mia immer noch nicht da.
Gertrud hatte sie die letzten paar Tage mehrmals anzurufen versucht, doch nie erreicht. Bei ihrem Vater konnte sie nicht sein und von Kerim hatte Gertrud keine Telefonnummer. Sie machte sich Sorgen.


08.3.2006

Folge 13

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 3. Kleine Missgeschicke ]
Birke
«Gab es in letzter Zeit irgendwelche Vorfälle? Hatte Frau Aebischer Probleme mit einem ihrer Klienten?» fragte Gertrud den Sozialzentrumsleiter weiter aus.
«Nein, nichts ausser dem Üblichen.»
«Und was ist 'das Übliche'?»
«Wir arbeiten in einem sehr sensiblen Bereich. Sozialhilfe ist subsidiär, sie setzt dann ein, wenn alles andere nicht mehr geht, wenn eigene Mittel und weitere finanzielle Hilfen fehlen. Die Betroffenen befinden sich in einer Notsituation, es geht ums Überleben und da wird mancher aggressiv. Aber das kennen Sie ja, als Polizistin.»
«Handgreiflich aggressiv?» wollte Gertrud wissen.
«Meistens bleibt es bei Drohungen.»
«Und Andrea Aebischer hat solche Drohungen erhalten?»
Er zündete sich eine zweite Zigarette an. «Nicht, dass ich wüsste. Sie hat für die Klienten immer sehr viel Verständnis gehabt, hat sich mit ihnen solidarisiert, manchmal sogar etwas zu ...»
Das Telefon klingelte.
«Ja, ich komme. Haben Sie noch weitere Fragen? Ich sollte dringend an eine Besprechung. Meine Stellvertreterin wird Ihnen den Arbeitsplatz von Andrea Aebischer zeigen. Frau Brunner wird Sie hier abholen.» Und schon war er weg.
Gertrud ging zum Fenster und öffnete es. Die Luft war frisch, feine Schneefusseln glitzerten im Sonnenlicht. Ihr Atem hinterliess eine kleine Nebelwolke.
Unten vor dem Haus sah sie Herrn van der Meer. Wie er durch die Schneehaufen auf einen andern Mann zuging. Den Kopf schüttelte, auf ihn einredete. Der Mann wich zuerst ein paar Schritte zurück. Dann ging er auf van der Meer los und platzierte ihm seine Faust in den Magen. Der Zentrumsleiter krümmte sich, fiel vornüber auf die Knie. Dann richtete er sich wieder auf, klopfte den Schnee von der Hose und ging gebeugt zum Haus zurück. Der Mann eilte davon. Ein unzufriedener Klient?


07.3.2006

Folge 12

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 3. Kleine Missgeschicke ]
Das Sozialzentrum Aussersihl, in dem Andrea Aebischer gearbeitet hatte, lag am Stauffacher ganz in der Nähe des Kommissariats. Trotzdem brauchte Gertrud eine Viertelstunde bis sie da war. Sie kämpfte sich durch Schneehügel, watete durch riesige Pfützen, balancierte über matschige Pfade und blickte neidisch auf die Autos, die auf schwarz geräumten Strassen im üblichen Tempo dahinbrausten.
Der Eingangsbereich des Zentrums war hell und freundlich. Grüne, orange und blaue Stühle standen für die Wartenden bereit, hellgraue USM-Haller-Gestelle präsentierten bunte Prospekte. In einer Ecke standen ein Schaukelpferd und eine Kiste mit Kinderspielsachen. Ein grauhaariger Mann sass vor einem Stapel Stellenanzeiger und blätterte die Zeitungen durch. Eine Frau schrieb etwas auf dem öffentlichen Computer.
Gertrud ging zum Schalter, der mit Intake angeschrieben war. Der Begriff gefiel ihr nicht besonders. Er hatte etwas Forderndes. Eine Frau mit aschblonden Haaren und dunkelblondem Haaransatz meldete sie beim Zentrumsleiter an.
Es ging keine zwei Minuten bis Herr van der Meer sie abholte. Er war gross gewachsen, schlank, Mitte vierzig und trug einen Anzug, was Gertrud ganz und gar nicht erwartet hatte. Der Mann sah aus, wie wenn er jeden Morgen vor der Arbeit joggen ging.
Sein Büro war ebenfalls mit USM-Haller-Möbel eingerichtet, diesmal in schwarz. Darauf standen Plastiken aus Stein mit üppigen Rundungen, die an Frauenkörper erinnerten.
«Rauchen Sie?» fragte er Gertrud, als sie sich an den runden Tisch in seinem Büro gesetzt hatten und hielt ihr eine Packung Marlboro Gold hin.
«Danke nicht mehr.»
«Erlauben Sie, dass ich ...?» Sie nickte. Das mit dem Joggen war wohl ein Irrtum. Er steckte sich eine Zigarette an. Nach jedem Zug streifte er die Asche an der Innenwand des Aschenbechers ab, indem er die Zigarettenspitze hin und her drehte.
«Sie war eine meiner besten Mitarbeiterinnen», sagte er und blies den Rauch Richtung Fenster. Sein Blick blieb an den mit Schnee behangenen Bäumen haften. Der Tod von Andrea Aebischer musste ihm nahe gehen.
Was das heisse, eine der besten, wollte Gertrud wissen.
Sie habe gut gearbeitet, habe sich den Klienten gegenüber korrekt verhalten, war belastbar und hat mitgedacht.
«Das kann aber auch anstrengend sein, wenn die Mitarbeiter zuviel mitdenken», entgegnete Gertrud und dachte dabei an Mancini.
«Wenn die Vorschläge konstruktiv sind und nicht nur rumgemeckert wird ... Kritik ist ja nicht per se negativ.»
Gertrud war beeindruckt. Sprach da der neue Superchef?
«Wussten Sie, dass Frau Aebischer schwanger war?»
Er drückte die Marlboro aus. «Nein. Ich spreche mit meinen Mitarbeitenden nicht über solch private Dinge.»
Er sagte es ganz beiläufig und gerade das machte Gertrud misstrauisch.


06.3.2006

Folge 11

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 3. Kleine Missgeschicke ]
Schnee
Sandro Mancini stand in seiner ganzen Grösse und Breite in ihrem Büro. Er war braungebrannt wie immer nach den Sportferien. Die Skibrille hatte um die Augen einen weissen Abdruck hinterlassen.
«Sieht ziemlich klar aus.» Er blickte vom Fax des Gerichtsmediziners auf und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.
Gertrud wollte aufbrausen, besann sich aber eines besseren, nahm schnell einen Nikotinkaugummi und zählte bis drei. Sie wusste wieder, wieso ihr das Delegieren Mühe bereitete.
«Gut, dann schliessen wir den Fall ab.» Sie nahm ihm das Fax aus den Händen. «Die Frau ist in einem weissen Mantel barfuss vom Letzigraben an den Bürkliplatz gelaufen, in den See gewatet und ertrunken.»
Mancini nickte.
«Herrgott Mancini, was haben sie eigentlich in der Polizeischule gelernt?»
«Dass man sich an die Fakten halten soll. Und hier steht klar und deutlich, dass die Frau ertrunken ist.»
«Und wenn sie jemand ins Wasser geworfen hat?» Sie ging um den Schreibtisch herum und setzte sich in ihren Sessel.
«Dann hätte sie sich gewehrt. Wer geht schon freiwillig in viergradiges Wasser. Und es gäbe Abwehrspuren.» Er schaute sie triumphierend an.
«Und die Kleider, die man nicht gefunden hat?» fragte sie scharf. Mancini hatte Recht und das machte sie noch ärgerlicher.
Es klopfte an der Tür und die Sekretärin des Kommissariats brachte Gertrud einen Zettel. Diese bedankte sich und las ihn durch.
Andrea Aebischer war Sozialarbeiterin und hatte in einem Sozialzentrum gearbeitet. Ausserdem war da noch ein Bruder, der ebenfalls in Zürich lebte.
«Aber Frau Gut. In Zürich wird doch alles geklaut, was nicht niet und nagelfest ist», nahm Mancini den Faden wieder auf.
Er hatte schon wieder Recht. Mias Velo wurde innerhalb eines Jahres dreimal gestohlen. Und immer war es angekettet gewesen. Doch er lag trotzdem falsch. Sie konnte sich nicht erklären, dass sich eine 38-jährige Sozialarbeiterin, die im dritten Monat schwanger war, in den See stürzte. Und dann noch in einem weissen Mantel.
Doch was sollte sie tun? Weitere Analysen waren teuer und wurden nur genehmigt, wenn konkrete Verdachtsmomente vorlagen. Und die hatte sie nicht und auch keine Lust, auf ihre weibliche Intuition reduziert zu werden. Aber dieser Mantel. Es musste doch herauszufinden sein, woher der stammte. Und das war eine Aufgabe, die sie delegieren konnte.