17.3.2006

Folge 20

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 4. Geerbte Armut ]
Limmatquai
Gertrud brauchte frische Luft. Es war der erste richtige Frühlingstag in diesem Jahr und sie beschloss, persönlich bei der Abteilung für Datenforensik vorbeizugehen. Und zwar zu Fuss.
Am Limmatquai hatte es viele Passanten, Sonnenbrillen waren wieder ein gefragtes Accessoires und unter den offenen Jacken sah man bereits die ersten Bauchnabel. Die Kleidung war allgemein einige Töne heller geworden und die Plastiksäcke der Modegeschäfte leuchteten in Ostereierfarben.
Gertrud konnte den freien Sitzplätzen beim Grand Café nicht widerstehen. Doch kaum hatte sie sich gesetzt, wusste sie auch, wieso die sonst so begehrten Stühle noch frei waren. Ein Bagger fuhr ihr direkt vor die Nase und versperrte ihr die Aussicht zu Limmat und Lindenhof.
Nicht mal die Sonne kann man in Ruhe geniessen in dieser Stadt, dachte Gertrud. Das Pärchen, das neben ihr sass, liess sich hingegen nicht stören. Die beiden waren so ineinander verschlungen, dass sie nichts von dem mitbekamen, was um sie herum passierte.
Gertrud bestellte eine Schale. Der Kellner nahm die Bestellung mit italienischem Akzent entgegen. Sie dachte an Mancini. Der riss ihr noch den letzten Nerv aus. Sie wusste nicht, ob er wirklich so blöd war oder ob er sich verstellte. So jedenfalls ging das nicht weiter. Waren das die berühmten sich selbst erfüllenden Erwartungen? Machte er deshalb eine Dummheit nach der andern weil sie ihm nichts zutraute? Gab sie so unklare Anweisungen?
Sie hielt ihr Gesicht noch einige Minuten mit geschlossenen Augen gegen die Sonne. Dann bezahlte sie und ging Richtung Bellevue.

Ein junger Mann mit dunklen, zu einem Rossschwanz zusammen gebundenen Haaren und türkischem Namen holte sie beim Empfang der Datenforensik ab.
«Haben Sie etwas herausgefunden?» fragte Gertrud neugierig, als sie im Lift standen.
«Sicher. Sie werden staunen.»


16.3.2006

Folge 19

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 4. Geerbte Armut ]
Ihr Büro sah aus wie ein Bazar. Überall waren kimonoartige Mäntel ausgebreitet. Mit und ohne Bordüren, manche mit farbigen Gürteln, alle in uni-weiss. Einer hing gar über dem Computer-Bildschirm. Gertrud wollte sich setzen. Doch auf ihrem Stuhl lag ein ganzer Stapel. Sie hob ihn auf und suchte nach einem Platz, wo sie ihn hinstellen konnte, doch es war hoffnungslos.
Mancini betrat ohne vorher anzuklopfen ihr Büro, die Hemdsärmel zurückgekrempelt. Gertrud konnte seinen Tatendrang beinahe riechen. Sie drückte ihm die Stoffbeige vor die Brust.
«Was soll das hier? Wieso haben Sie alle hierher gebracht?»
Mancini sank leicht in sich zusammen. «Das sind alles beschlagnahmte Kimonos. Schön sortiert und angeschrieben.»
Erst jetzt fielen Gertrud die Etiketten auf, die auf jedem Mantel klebten.
«Dieser zum Beispiel», er schaute suchend umher, legte die Beige, die er in den Händen hielt, auf den Schirmständer und griff nach einem weissen Mantel mit hellgrünen Börtchen, «der stammt aus dem Universitätsspital». Sorgfältig faltete er den Stoff wieder zusammen. «Und dieser», ein Mantel in eierfarbenem Stoff, «aus einer Praxis für Chiropraktik».
Gertrud nahm ihm das Kleidungsstück aus der Hand und betrachtete es genauer.
«Hab ich Ihnen nicht gesagt, dass Sie nach Mänteln suchen sollen, die nicht industriell gefertigt sind, sondern von Hand? Sehen Sie sich diese Nähte an! Typischer Overlock ...»
«Ja, aber man kann doch auch von Hand mit der Overlock-Maschine zu Hause ...»
Gertrud staunte über Mancinis Nähkenntnisse. Aber er lag trotzdem falsch.
«Dann wäre es nicht so gleichmässig», fiel sie ihm ins Wort. «Das hier ist eine Serienproduktion. Wir suchen Einzelstücke und die finden Sie wohl kaum in den Spitälern.»
«Also suchen wir solche mit schrägen Nähten.»
«Wenn Sie es so ausdrücken wollen.»
«Vielleicht hat die Tote diesen Mantel selber genäht?»
«Ich habe in ihrer Wohnung keine Nähmaschine gesehen.»
«Möglicherweise hat sie eine ausgeliehen?»
Gertrud hatte keine Lust weiter zu diskutieren. «Sie haben meine Frage noch immer nicht beantwortet: Was soll dieses ganze Zeug hier in meinem Büro?»
«Ich dachte, Sie wollten sich mit eigenen Augen überzeugen.» Er machte ein unglückliches Gesicht.
Gertrud schüttelte den Kopf. «Haben Sie schon etwas über den Stoff herausgefunden?»
«Nein, der wird noch vom Labor untersucht.»


15.3.2006

Folge 18

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 4. Geerbte Armut ]
Nacht
Gertrud sass erschöpft auf dem Sofa. Ihr Magen knurrte, doch zum Kochen hatte sie keine Lust. Sie griff zum Telefon und bestellte beim Pizzablitz eine Calzone. Dazu ein Bier. Nach 20 Minuten klingelte es an der Haustür und ein freundlicher junger Mann übergab ihr Kartonschachtel und Getränkedose.
Sie hatte es sich gerade mit Pizza und Wolldecke vor dem Fernseher bequem gemacht, da hörte sie ein Geräusch aus dem Flur. Sie hielt mit kauen inne. Da war es noch ein Mal. Jemand hatte die Türklinke heruntergedrückt. Sie ging in den Gang, drehte schnell den Schlüssel und öffnete mit einem Ruck die Tür. Vor ihr stand Mia. Sie wirkte etwas erschrocken.
«Mia, wo hast du die ganze Zeit gesteckt?» Gertrud wollte sie in die Arme nehmen, doch ihre Tochter wich zurück und ging an ihr vorbei.
«Ich komm nur schnell meine Sachen holen.»
«Was für Sachen?» Gertrud verstand nicht.
«Ich ziehe aus.» Mia ging Richtung Wohnzimmer.
Gertrud hielt sie am Ärmel zurück. «Aber Mia, lass uns doch in Ruhe reden. Setz dich hin, möchtest du ein Stück Calzone?» Sie deutete zum Sofa.
«Nee, hab keinen Hunger.» Sie machte sich los.
«Komm iss doch was, dann können wir ...»
«Es gibt nichts zu diskutieren. Wenn Kerim nicht hier wohnen kann, dann kann ich es auch nicht. Ich suche mir eine Wohnung und dann zieht er zu mir.»
«Und das ist die Lösung?» Gertrud ging zum Couchtisch und stellte den Fernseher lautlos.
«Ja, es ist eine Lösung. Vielleicht keine, auf die du kommen würdest. Weil es nicht legal ist. Aber das ist mir ziemlich schnuppe. Was soll er denn in Marokko? Hier kann er wenigstens arbeiten, wenn auch schwarz.»
«Kerim arbeitet schwarz?»
«Ja, genau das tut er. Er hat gar keine Möglichkeit legal zu arbeiten, wenn er illegal hier ist. Vielleicht geht das in dein Kriminalistenhirn.»
«Mia!»
«Ausserdem muss er seinen Eltern jeden Monat ein paar Hunderter schicken, sonst können sie die Miete nicht bezahlen und werden rausgeworfen. Die haben keinen so guten Job wie du.»
«Bis jetzt hast du dich auch nicht beklagt.»
«Ist doch war. Du tust immer so liberal und redest von Gerechtigkeit aber wenn's drauf ankommt, kneifst du. Was ist denn das für eine Gerechtigkeit, wenn sich die einen auf Kosten anderer bereichern?»
«Und wie willst du die Wohnung bezahlen?» Sie hatte keine Lust auf eine Diskussion über arm und reich.
«Ich gehe arbeiten. Wie alle anderen auch.»
«Und dein Studium?»
«Das muss warten.»
Gertrud schüttelte den Kopf.
«Jetzt komm mir nur nicht damit, dass du dich aufopferst mit deiner Polizeiarbeit, damit ich studieren kann.»
Gertrud holte tief Luft. «Ich möchte, dass du dich frei entscheiden kannst.»
«O. k., dann lass mich frei entscheiden.» Mia ging in ihr Zimmer und Gertrud hörte wie sie sich am Kleiderschrank zu schaffen machte. Sie stellte den Teller mit der Pizza in die Küche. Ihr war der Appetit vergangen.


14.3.2006

Folge 17

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 4. Geerbte Armut ]
Gertrud hatte Mühe, sich mit dem Computer zurechtzufinden. Doch eine Sekretärin mit Hüftjeans, weissem Gürtel und rosarotem Wollpullover war sehr hilfsbereit und erklärte ihr geduldig, was zu machen war, wenn der Computer nach zwei Minuten Untätigkeit erstarrte oder wenn sie sich in einem der vielen Felder verloren hatte und nicht mehr wusste, wo sie nun genau war. Gertrud beobachtete fasziniert die farblich zum Pullover passend verzierten Fingernägel der jungen Frau, wie sie flink über die Tastatur hüpften.
Bereits nach vier Uhr begann sich das Grossraumbüro langsam zu leeren. Um halb sechs war Gertrud allein.
Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, hatte ihr der letzte Mitarbeiter gesagt, als er sich verabschiedete und ihr einen schönen Abend wünschte. Raus komme man immer.
Gertrud lehnte sich zurück und rieb sich die Augen. Sie war gerade mal die Hälfte der Fälle durch. Besonders lange brauchte sie jeweils für die Gesprächsnotizen. Andrea Aebischer hatte akribisch festgehalten, was sie mit den Personen besprochen und vereinbart hatte.
Zwei Einträge waren Gertrud besonders aufgefallen. Der eine, weil fast nichts drinstand. Beim anderen handelte es sich um diese allein erziehende Mutter, die eine Ausbildung machen wollte. Sie schrieb sich die beiden Namen heraus.
Kurz vor elf war sie fertig. Etwas Auffallendes war nicht mehr dabei. Zumindest nicht, was sie im Fall Andrea Aebischer hätte weiterbringen können. Erstaunlich war, dass ganze Familien von Armut betroffen waren: Die Eltern sowie ihre erwachsenen Kinder. Es schien ein Teufelskreis zu sein. War Armut vererbbar?
Sie fuhr den Computer herunter und dachte dabei an die verlorenen Daten. So schnell gab sie sich nicht geschlagen. Da mussten Spezialisten ran. Aber was sollte sie diesen erklären? Dass sie den Arbeitscomputer einer Selbstmörderin nach einem Abschiedsbrief durchsuchen sollten? Es würde ihr schon noch was einfallen. Denn dieser van der Meer war ihr nicht geheuer. Der hatte doch Dreck am Stecken.



13.3.2006

Folge 16

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 4. Geerbte Armut ]
Stuhl
Sie waren die einzigen Besucher in der Cafeteria des Sozialzentrums. Auch hier hatte es bunte Stühle, die um runde Aluminiumtische standen. Gertrud setzte sich auf einen hellblauen. Rauchen war verboten. Van der Meer spielte mit einem Zuckersäckchen.
«Wieso haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie eine Auseinandersetzung mit Andrea Aebischer hatten?»
«Sie meinen wegen dieser Ausbildungsgeschichte?» Er legte das Zuckersäckchen zurück auf die Untertasse.
«Das war eine rein fachliche Unstimmigkeit. Ich fand es nicht erwähnenswert.» Van der Meer schien sich gefasst zu haben und wieder ganz der Chef zu sein.
«Und wie ist diese Unstimmigkeit ausgegangen? Stimmt es, dass Frau Aebischer mit der Kündigung gedroht hat?»
«Andrea, also Frau Aebischer war sehr engagiert, das habe ich Ihnen ja bereits gesagt. Sie hat sich immer voll und ganz auf etwas eingelassen. Und manchmal wollte sie Entscheide nicht akzeptieren. Aber ich nehme das nicht persönlich. Mir ist es lieber, wenn man sich im Team auseinandersetzt und etwas ausdiskutiert. Da fliegen halt mal die Fetzen. Aber nachher kann man wieder aufeinander zugehen. Besser, als wenn unzufriedene Mitarbeitende an die Medien gelangen. Für die ist das ein gefundenes Fressen, die SVP macht die nächste Interpellation im Gemeinderat und wir haben ein halbes Jahr zu tun, weil wir Daten sammeln müssen, um Rechenschaft abzulegen. Aber Sie wissen ja, wie das läuft.»
Gertrud nickte verständnisvoll.
«Nur ist die Polizei nicht so unter Beschuss,» ergänzte er.
«Vergessen Sie nicht die Geschwindigkeitskontrollen». Gertrud sagte es betont sachlich, doch die meinte es nicht wirklich so.
«Dafür hat sich der Stadtpräsident persönlich eingesetzt. Aber jetzt sind wir etwas abgeschweift.» Er lächelte sie an. «Wollen Sie noch einen Kaffee?»
«Gerne.» Der Kaffee schmeckte erstaunlich gut.
«Zurück zum Thema», sagte Gertrud mehr zu sich als zu ihrem Gegenüber. «Sie sagten gestern, sie müssten dringend an eine Sitzung?»
«Ich hatte eine Unterredung mit einem Klienten.» Er wurde wieder ernst.
«Und die enden meist damit, dass Sie eine in die Magengegend verpasst bekommen?»
Er schaute sie erstaunt an.
«Ich habe Sie gestern vom Fenster aus beobachtet.»
«Ach das. Ja, das war jemand, der Hausverbot hat. Und man kann schliesslich nicht immer gleich die Polizei rufen.»
«Vor allem, wenn sie schon im Haus ist.»
«Ich habe Ihnen gerne diesen Job abgenommen.» Er rieb sich die Magengegend.
«Das ist sehr freundlich, aber ich glaube Ihnen kein Wort.»
«Das tut mir Leid», sagte der Zentrumsleiter und wieder kam dieses Lächeln.