Folge 20
| Von Sabina Altermatt um 01:03 | [ 4. Geerbte Armut ] |

Gertrud brauchte frische Luft. Es war der erste richtige Frühlingstag in diesem Jahr und sie beschloss, persönlich bei der Abteilung für Datenforensik vorbeizugehen. Und zwar zu Fuss.
Am Limmatquai hatte es viele Passanten, Sonnenbrillen waren wieder ein gefragtes Accessoires und unter den offenen Jacken sah man bereits die ersten Bauchnabel. Die Kleidung war allgemein einige Töne heller geworden und die Plastiksäcke der Modegeschäfte leuchteten in Ostereierfarben.
Gertrud konnte den freien Sitzplätzen beim Grand Café nicht widerstehen. Doch kaum hatte sie sich gesetzt, wusste sie auch, wieso die sonst so begehrten Stühle noch frei waren. Ein Bagger fuhr ihr direkt vor die Nase und versperrte ihr die Aussicht zu Limmat und Lindenhof.
Nicht mal die Sonne kann man in Ruhe geniessen in dieser Stadt, dachte Gertrud. Das Pärchen, das neben ihr sass, liess sich hingegen nicht stören. Die beiden waren so ineinander verschlungen, dass sie nichts von dem mitbekamen, was um sie herum passierte.
Gertrud bestellte eine Schale. Der Kellner nahm die Bestellung mit italienischem Akzent entgegen. Sie dachte an Mancini. Der riss ihr noch den letzten Nerv aus. Sie wusste nicht, ob er wirklich so blöd war oder ob er sich verstellte. So jedenfalls ging das nicht weiter. Waren das die berühmten sich selbst erfüllenden Erwartungen? Machte er deshalb eine Dummheit nach der andern weil sie ihm nichts zutraute? Gab sie so unklare Anweisungen?
Sie hielt ihr Gesicht noch einige Minuten mit geschlossenen Augen gegen die Sonne. Dann bezahlte sie und ging Richtung Bellevue.
Ein junger Mann mit dunklen, zu einem Rossschwanz zusammen gebundenen Haaren und türkischem Namen holte sie beim Empfang der Datenforensik ab.
«Haben Sie etwas herausgefunden?» fragte Gertrud neugierig, als sie im Lift standen.
«Sicher. Sie werden staunen.»
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