Folge 25
| Von Sabina Altermatt um 00:03 | [ 5. Erste Ergebnisse? ] |

Nachdem sie bereits mehrmals vergeblich versucht hatte, Andrea Aebischers Bruder zu erreichen, kramte Gertrud ihren Notizzettel hervor, auf dem sie die beiden Namen aus den Klientendossiers aufgeschrieben hatte. Sie dachte zwar, dass eine Auswahl von zwei aus hundert ziemlich zufällig war. Doch auch in der Polizeiarbeit brauchte man ab und zu einen Zufall, davon war sie überzeugt. Nur mit Logik war das nicht zu schaffen.
Sie versuchte es zuerst bei Marita Klein. Das war das Dossier mit den fehlenden Gesprächsnotizen. Doch auch hier war niemand zu Hause. Mehr Erfolg hatte sie bei Barbara Brand, bei der allein erziehenden Mutter, die eine Ausbildung machen wollte.
Frau Brand war am Telefon nicht sehr freundlich. «Habt ihr diese Sozialdetektive nun doch eingeführt?» war ihre erste Frage.
Als Gertrud ihr erklärte, dass es um den Tod von Andrea Aebischer ging, beruhigte sie sich etwas.
«Also machen Sie's kurz. Ich hab zu tun.»
«Ich würde gerne bei Ihnen vorbeikommen und Ihnen ein paar Fragen stellen.»
«Hören Sie. Wir sind hier gerade frisch eingezogen und da stehen überall ...»
«Sie können selbstverständlich auch aufs Kommissariat kommen, wenn Ihnen das lieber ist.»
Gertrud fuhr mit dem 4-er in die Grünau und staunte, wie schnell sie da war. Das Quartier schien ihr weiter weg, als es in Wirklichkeit war. Das lag vielleicht daran, dass Brücke, Limmat und Autobahn es von der übrigen Stadt abschnitten.
Barbara Brand, eine zierliche Frau mit dünnen, schulterlangen Haaren, stand bereits unter der Tür und erwartete sie. Im Flur türmten sich Bananenschachteln. Sie setzten sich aufs Sofa.
«Mich interessiert vor allem die Geschichte mit dieser Ausbildung», kam Gertrud direkt zur Sache. «Wie ich den Unterlagen entnehmen konnte, haben Sie einen Antrag zur Finanzierung einer Erstausbildung gestellt.»
«Genau.» Sie strich sich die Fransen aus dem Gesicht. «Und irgendso ne Kommission, hat gemeint, dass ich diese Ausbildung nicht brauche und auch ohne sie Chancen habe, einen Job zu finden.»
«Und, haben Sie?»
«Wär ich dann tagsüber zu Hause?»
«Und was war die Meinung von Frau Aebischer zu diesem Entscheid?»
«Genervt hat sie sich. Weil sie weiss, wie schwierig es ist, ohne richtige Ausbildung ...»
«War es nicht ganz anders? Sie haben Andrea Aebischer die Schuld daran gegeben, dass Sie die Ausbildung nicht machen konnten. Und haben sie deshalb ...»
Barbara Brand sprang auf. «Sie sind ja nicht ganz ...»
«Bitte keine Beamtinnenbeleidigungen», fuhr ihr Gertrud ins Wort. «Das kostet.»
Die zierliche Frau setzte sich wieder aufs Sofa und nahm ein Kissen auf den Schoss. Ein Tram fuhr vorbei. Sie nestelte an den Zotteln.
«Ja stimmt. Ich habe sie mal angeschrieen und den Locher, der auf ihrem Tisch stand, an die Wand geknallt. Aber dann habe ich gemerkt, dass Frau Aebischer ja nur ihr bestes tut. Dass sie gewisse Entscheide einfach ausführen muss und dass ich sie in eine unmögliche Situation gebracht habe.»
«Wieso das?»
«Sie muss sich deswegen mit ihrem Chef verkracht haben. Einmal ist er zufällig hereingekommen. Sie hätten ihren Blick sehen sollen. Da war nur noch Hass.»
«Und was hat er gemacht?»
«Rechtsumkehrt, als er gesehen hat, dass da noch jemand ist.»
«Und wie ist es dann ...», Gertruds Handy klingelte. «Bitte entschuldigen Sie.» Sie stand auf und trat ans Fenster. Unten rannten ein paar Kinder um den Block.
Es war Mancini. Sie müsse sofort kommen. Ein Toter. Im Sozialzentrum Aussersihl.
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