24.3.2006

Folge 25

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Werdwies
Nachdem sie bereits mehrmals vergeblich versucht hatte, Andrea Aebischers Bruder zu erreichen, kramte Gertrud ihren Notizzettel hervor, auf dem sie die beiden Namen aus den Klientendossiers aufgeschrieben hatte. Sie dachte zwar, dass eine Auswahl von zwei aus hundert ziemlich zufällig war. Doch auch in der Polizeiarbeit brauchte man ab und zu einen Zufall, davon war sie überzeugt. Nur mit Logik war das nicht zu schaffen.
Sie versuchte es zuerst bei Marita Klein. Das war das Dossier mit den fehlenden Gesprächsnotizen. Doch auch hier war niemand zu Hause. Mehr Erfolg hatte sie bei Barbara Brand, bei der allein erziehenden Mutter, die eine Ausbildung machen wollte.
Frau Brand war am Telefon nicht sehr freundlich. «Habt ihr diese Sozialdetektive nun doch eingeführt?» war ihre erste Frage.
Als Gertrud ihr erklärte, dass es um den Tod von Andrea Aebischer ging, beruhigte sie sich etwas.
«Also machen Sie's kurz. Ich hab zu tun.»
«Ich würde gerne bei Ihnen vorbeikommen und Ihnen ein paar Fragen stellen.»
«Hören Sie. Wir sind hier gerade frisch eingezogen und da stehen überall ...»
«Sie können selbstverständlich auch aufs Kommissariat kommen, wenn Ihnen das lieber ist.»

Gertrud fuhr mit dem 4-er in die Grünau und staunte, wie schnell sie da war. Das Quartier schien ihr weiter weg, als es in Wirklichkeit war. Das lag vielleicht daran, dass Brücke, Limmat und Autobahn es von der übrigen Stadt abschnitten.
Barbara Brand, eine zierliche Frau mit dünnen, schulterlangen Haaren, stand bereits unter der Tür und erwartete sie. Im Flur türmten sich Bananenschachteln. Sie setzten sich aufs Sofa.
«Mich interessiert vor allem die Geschichte mit dieser Ausbildung», kam Gertrud direkt zur Sache. «Wie ich den Unterlagen entnehmen konnte, haben Sie einen Antrag zur Finanzierung einer Erstausbildung gestellt.»
«Genau.» Sie strich sich die Fransen aus dem Gesicht. «Und irgendso ne Kommission, hat gemeint, dass ich diese Ausbildung nicht brauche und auch ohne sie Chancen habe, einen Job zu finden.»
«Und, haben Sie?»
«Wär ich dann tagsüber zu Hause?»
«Und was war die Meinung von Frau Aebischer zu diesem Entscheid?»
«Genervt hat sie sich. Weil sie weiss, wie schwierig es ist, ohne richtige Ausbildung ...»
«War es nicht ganz anders? Sie haben Andrea Aebischer die Schuld daran gegeben, dass Sie die Ausbildung nicht machen konnten. Und haben sie deshalb ...»
Barbara Brand sprang auf. «Sie sind ja nicht ganz ...»
«Bitte keine Beamtinnenbeleidigungen», fuhr ihr Gertrud ins Wort. «Das kostet.»
Die zierliche Frau setzte sich wieder aufs Sofa und nahm ein Kissen auf den Schoss. Ein Tram fuhr vorbei. Sie nestelte an den Zotteln.
«Ja stimmt. Ich habe sie mal angeschrieen und den Locher, der auf ihrem Tisch stand, an die Wand geknallt. Aber dann habe ich gemerkt, dass Frau Aebischer ja nur ihr bestes tut. Dass sie gewisse Entscheide einfach ausführen muss und dass ich sie in eine unmögliche Situation gebracht habe.»
«Wieso das?»
«Sie muss sich deswegen mit ihrem Chef verkracht haben. Einmal ist er zufällig hereingekommen. Sie hätten ihren Blick sehen sollen. Da war nur noch Hass.»
«Und was hat er gemacht?»
«Rechtsumkehrt, als er gesehen hat, dass da noch jemand ist.»
«Und wie ist es dann ...», Gertruds Handy klingelte. «Bitte entschuldigen Sie.» Sie stand auf und trat ans Fenster. Unten rannten ein paar Kinder um den Block.
Es war Mancini. Sie müsse sofort kommen. Ein Toter. Im Sozialzentrum Aussersihl.


23.3.2006

Folge 24

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Bernerhof
Sie trafen sich wie immer im Bernerhof. Sie wusste nicht mehr, wann sie begonnen hatten, ihre Sitzungen hier abzuhalten. Zuerst war die Nähe der Grund gewesen, dann die Distanz, die sich in der Öffentlichkeit besser einhalten liess.
Das Esslokal war zu dieser Zeit beinahe leer.
«Gertrud, ich glaube, du verrennst dich da in etwas», sagte Gian Bisaz und nahm einen Schluck Mineralwasser. Gertrud hatte sich einen Kaffee bestellt.
«Du meinst diesen van der Meer? Hat Mancini ...»
«Ich brauche keinen Mancini, um so etwas zu merken», fiel er ihr ins Wort. «Mir genügt dein Bericht. Wenn ich dich nicht besser kennen würde, hätte ich beinahe den Eindruck, dass du nicht professionell vorgehst bei diesem Fall.»
«Ach, Gian». Sie legte ihre Hand auf seine. «Wie du doch immer alles merkst.»
Er zog seine Hand weg. «Ich merke sogar, dass dieser van der Meer eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Erich Gut aufweist.»
«Nun hör aber auf!»
«Gertrud, ich meine es ernst. Als dein Chef und dein Freund. Du wirst den Karren in den Dreck fahren, wenn du so weitermachst. Und ich habe keine Lust, dir zu helfen, ihn da wieder raus zuziehen.»
«Du willst mir den Fall entziehen?» Sie griff nach ihrer Handtasche.
«Du solltest mich besser kennen.»
«Ich muss ihn also abschliessen.» Sie kramte darin herum, doch die Kaugummis fand sie nicht.
«Jetzt sei nicht immer so streng mit dir! Diese 7-Tage-Regel ist doch eine unverbindliche Vorgabe. Weiter nichts. Aber das weisst du auch. Wir machen doch hier keine 7-Tage-Rennen. Es ist unsere Pflicht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Sei das nun bei der Ermittlung, im technischen oder im gerichtsmedizinischen Bereich. Mit der Betonung auf alle. Und wie ich deinem Bericht entnehmen konnte, gibt es da zum Beispiel noch einen Bruder.»
«Den hab ich nicht erreichen können.» Musste sie sich nun rechtfertigen wie eine Schülerin, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte? Aber er hatte Recht. Wieso war sie so auf diesen van der Meer eingeschossen? Mit der Nachbarin von Andrea Aebischer hatte sie auch noch nicht gesprochen. Und dann gab es noch diese beiden Dossiers.
«Hatte die Tote einen Freund? Hast du das abgeklärt?» Sie gab ihm keine Antwort. «Und wenn wir schon dabei sind», fuhr Bisaz fort, «ich verstehe, dass du dich vor Ort umsehen möchtest. Aber an den Computer von Andrea Aebischer gehören Spezialisten. Und nicht Frau Gut. Auch solltest du dir nicht die halbe Nacht in diesem Sozialzentrum um die Ohren schlagen. Alleine.»
«Also doch.» Sie beugte sich zu ihm vor.
«Ja, klar mache ich mir Sorgen. Was ist los mit dir?» Er nahm noch einen Schluck Wasser.
«Das meinte ich nicht. Du bist also auch der Meinung dieser van der Meer ...»
«Nein, bin ich nicht.» Er stellte das Glas hart auf dem Untersetzer ab.
«Immerhin hat die Datenforensik am nächsten Tag alles untersucht, die sind vif diese Jungs. Uns ist nichts entgangen, wenn du das andeuten wolltest. Auch wenn Frau Gut wie immer dem Ganzen etwas vorgegriffen hat. Eigenmächtig, wie sie ist.»
«Wie geht es mit Mancini?» Gian wechselte abrupt das Thema.
«Frag besser nicht.»
«Das hab ich mir gedacht.»


22.3.2006

Folge 23

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Warnung
Gertrud wartete auf den Bus. Gemäss Anzeigetafel musste er in genau drei Minuten eintreffen. Es war sieben Uhr. Der Schaffhauserplatz wirkte verschlafen. Ausser den Trams hatte es noch nicht viel Verkehr. Die Vögel kündigten einen weiteren Frühlingstag an. Der Bus kam pünktlich. Gertrud stieg ein, wechselte am Albisriederplatz in den 3-er und fuhr bis zur Fellenbergstrasse.
Das Zentrum von Albisrieden erinnerte sie mit dem rustikalen Einkaufszentrum Albisriederdörfli und dem Intersport-Geschäft an einen Skiort. Dazu das Plakat von Euromillions, das einen Gewinn von 285 Millionen Franken versprach. Was man wohl machte mit soviel Geld? Konnte man mehr als ein Leben leben?
Sie ging die Albisriederstrasse entlang und bog in den Lyrenweg ab. Links und rechts der schmalen Strasse waren Einfamilienhäuser aus den fünfziger Jahren ordentlich aufgereiht. Ursprünglich mussten alle gleich ausgesehen haben. Doch im Laufe der Jahre hatten die einen Wintergärten erhalten, andere waren aufgestockt worden. Auch waren sie in unterschiedlichem Zustand. Eines wurde gerade umgebaut, ein anderes war frisch gestrichen, bei einem weiteren bröckelte der Verputz. Individuell waren auch die Gärten gestaltet. Neben einem alpinen Steingarten lag englischer Rasen, in dem sich Grashalm an Grashalm reihte wie frisch gekämmt. Auch die Grenzen um die Grundstücke waren auf verschiedene Art gezogen. Die einen Eigentümer setzten auf den altbewährten Holzzaun, andere hatten mit Buchs immergrüne Mauern gezogen. Vereinzelte setzten mehr auf psychologische Abschreckung, indem sie Tafeln mit böse aussehenden Hunden an das Gartentor montiert hatten. Das einzige Einheitliche war, dass vor jedem Haus ein bis zwei Autos standen.
Die Nummer 73 lag nicht direkt an der Strasse, sondern eine Reihe weiter hinten, am Hang. Gertrud ging die Steintreppe hinauf. Das Haus hatte verschiedene Anbauten aus Holz. Es war eines der schönsten, was Gertrud wenig erstaunte. Schliesslich hatte van der Meer Stil und am nötigen Kleingeld würde es ihm sicher auch nicht fehlen.
Gertrud drückte die Klingel, die mit van der Meer - Stauffer angeschrieben war.
Ein Frau Mitte vierzig mit blonden, hochgesteckten Haaren öffnete und begrüsste sie freundlich. Sie trug enge, beige Hosen und eine weisse Bluse. Am Mittelfinger hatte sie einen Ring mit einem grossen Stein. Gertrud stellte sich vor und fragte nach Christiaan van der Meer. Der sei bereits im Büro, erwiderte seine Frau. Er sei ein Frühaufsteher. Aber sie solle doch bitte kurz hereinkommen, sie habe gerade Milch auf dem Herd. Gertrud betrat das Haus und kam in einen Raum mit einem grossen Fenster mit Sicht über die ganze Stadt. Sie musste sich im Anbau befinden. Auf dem Sims stand ein Strauss mit französischen Tulpen.
«Schön, haben Sie's hier. Wirklich. Diese Aussicht», sagte Gertrud in Richtung Tür, hinter der Frau van der Meer verschwunden war.
«Danke», antwortete es aus der Küche. «Ich habe das Haus von meinen Eltern geerbt.» Sie kam zurück und strich sich mit beiden Händen über die Hüften. «Wollen Sie einen Kaffee?»
«Nein danke, ich muss dann wieder.»
«Schade, dass Sie meinen Mann verpasst haben. Am besten, Sie versuchen es in seinem Büro.»


21.3.2006

Folge 22

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Gnädinger
Nach dem Besuch bei der Datenforensik hatte Gertrud keine Lust mehr, in ihr Büro zurückzukehren nur um festzustellen, dass Mancinis Bazar noch nicht abgeräumt war.
Sie stieg in den 11-er Richtung Schaffhauserplatz und überlegte, wie sie diesen van der Meer am besten aus der Reserve locken konnte. Für eine Vorladung ins Präsidium fehlten handfeste Beweise. Auch wenn er die Daten auf Andrea Aebischers Computer gelöscht hatte, musste das noch lange nicht heissen, dass er der Mörder war.
Sie musste ihm eine Falle stellen. Und dann, wenn er es am wenigstens vermutete, zupacken. Wie ein wildes Tier, das man mit Futter in der einen Hand anlockt, um ihm dann mit der anderen die Schlinge um den Hals zu werfen. Doch leider hatte sie nichts in der Hand.
Zudem musste sie morgen Mittag ihrem Chef eine Zwischenbilanz abliefern. Nach fünf Tagen. Hatte sie innerhalb einer Woche keine Beweise für einen Mord, musste sie den Fall abschliessen. Doch soweit würde es nicht kommen.
Sie könnte van der Meer morgen früh überraschen. Bei ihm zu Hause. Am Morgen waren die Leute noch verletzlicher, offener. Hatten ihre Schutzschilde noch nicht hochgefahren.
Das Tram klingelte, stolperte und ruckte und stand schliesslich still. Ein Lastwagen hatte mitten auf dem Schaffhauserplatz angehalten und wartete, bis eine Horde Kindergärtner den Fussgängerstreifen überquert hatte. Dann fuhr er wieder an und das Tram kroch weiter den Berg hinauf.
Gertrud stieg aus und ging in die Bäckerei Gnädinger.
«Einen dunklen Pfünder wie immer?» fragte die Verkäuferin.
Gertrud wollte nicken, doch da kam ihr in den Sinn, dass sie lediglich eine Person verpflegen musste. Sich selber. Sie nahm nur einen halben. Dafür noch eine Crèmeschnitte dazu.


20.3.2006

Folge 21

Von Sabina Altermatt um 01:03 [ 5. Erste Ergebnisse? ]
Tastatur
Der Lift stoppte und der Informatiker führte sie in einen Raum, der mit Computern und Zubehör voll gestellt war. Leere Gehäuse, ausgebaute Festplatten, Laufwerke, Monitore, Mäuse und Tastaturen.
«Das ist die Festplatte von Andrea Aebischers Computer. Wir haben sie heute Morgen aus dem Sozialzentrum geholt.»
Er hielt ihr das Kästchen hin und schaute sie erwartungsvoll an.
«Ja und jetzt? Ist das alles?» fragte Gertrud ungeduldig und bereute sogleich ihre Bemerkung. Schliesslich war der Mann sehr nett.
«Bitte entschuldigen Sie. Natürlich sieht man diesem Ding nichts an. Wir haben es analysiert. Die Festplatte wurde gelöscht, beziehungsweise formatiert. Aber das wussten Sie ja bereits. Ein übliches Vorgehen, wenn der Computer zum Beispiel den Besitzer wechselt. Dies wäre nicht schlimm. Denn bei der Formatierung werden nur die Verzeichnisse gelöscht. Die Daten sind noch vorhanden, man kann aber nicht mehr auf sie zugreifen. Mit einer forensischen Software können sie wieder sichtbar gemacht werden.»
Gertrud war fasziniert. Da schien mal einer zu wissen, wovon er sprach.
«Doch bei diesem Computer wurde nicht nur die Festplatte formatiert, sie wurde nach der Gutmann-Methode überschrieben.»
«Gutmann
«Ja, Peter Gutmann. Er hat eine Methode entwickelt, mit der Daten unwiderruflich gelöscht werden können. Dabei werden die Daten 35-mal mit zufälligen Werten nach einem speziellen Muster überschrieben.»
«Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben.» Sie griff nach einer Computermaus, die auf dem Rücken lag.
«Genau das ist das Interessante: Wir können Gedankenlosigkeit des städtischen Informatikers ausschliessen. Da hat jemand manipuliert. Mit Absicht.»
«Und die Daten sind für immer weg?» Sie legte die Maus wieder hin.
«Es gibt Labormethoden. Doch die sind sehr teuer. In Deutschland sind sie bereits weiter. Aber mehr kann ich Ihnen dazu auch nicht sagen. Und in ihrem Fall, bitte entschuldigen Sie, haben wir zuwenig konkrete Verdachtsmomente.» Er machte ein unglückliches Gesicht.
«Ist schon gut.» Gertrud dachte an van der Meer. Jetzt war er dran. So oder so.