07.4.2006
Folge 35
Gertrud fuhr erschöpft nach Hause. Es war zu viel gewesen. Frau Van der Meer hatte einen Zusammenbruch und war nicht mehr vernehmungsfähig. Doch das war nicht alles. Konnte sie eine Frau verhaften, deren Tatmotiv sie so gut verstand? Hätte sie nicht auch so gehandelt, damals?
Trotzdem. Es war ihre Pflicht als Polizistin. Niemand hatte das Recht, dem anderen das Leben zu nehmen. Aber vielleicht hatte sie Lisa van der Meer etwas zu hart angefasst? Hätte sie ihr schonender beibringen müssen, dass eine andere Frau von ihrem Mann schwanger war? Sollte sie den Fall abgeben? Ging er ihr zu nahe? Sie musste nächste Woche mit Gian darüber reden.
Ihr Blick fiel auf ein Plakat.
Für 55 Franken nach Paris. Wäre das nicht genau das Richtige für Sie?
Sie stieg aus und schlang den Mantel fester um sich. Es war wieder kälter geworden. Der Frühling hatte sich unter den laublosen Büschen verkrochen.
Im Flur roch es nach Gemüse. Aus der Küche drang fröhliches Gelächter. Kerim strahlte sie mit einem breiten Lachen an.
«Bon soir, Madame, ça va?»
«Danke ja.»
«Du siehst müde aus? Hast du den Mörder gefangen?»
«Kerim, lass doch Mam erst mal zu Hause ankommen.»
«Aber sicher.» Er führte sie zum Sofa, hiess sie sich hinzusetzen, hob ihre Beine an und legte sie sachte auf die Lehne. Gertrud liess es mit sich geschehen.
«Und jetzt mache ich dir einen thé marocain. Mit viel Zucker.»
«Kerim, es tut mir Leid», sagte Gertrud, als er ihr den Tee brachte.
«Mais non. Ist schon gut. Dass Mias Mutter Polizistin ist, hab ich immer gewusst.»
«Es hat wirklich nichts mit dir zu tun. Ich mag dich, das weisst du. Aber das wäre auch keine Lösung.» Sie hörte ihre Worte. Doch sie vermochten nicht einmal sie selber zu überzeugen.
06.4.2006
Folge 34
Frau van der Meer wartete im Verhörzimmer. Sie sass kerzengerade auf dem Stuhl. Diesmal trug sie zur weissen Bluse einen kurzen, beigen Rock. Sie hatte die Hände gefaltet und vor sich auf den Tisch gelegt, die Fingernägel waren perfekt manikürt.
«Sie wissen, wieso Sie hier sind?» Gertrud setzte sich ihr gegenüber.
«Ja, Ihre Kollegen haben es mir gesagt. Es ist absurd.» Sie sprach langsam und ruhig.
«Ihr Mann hatte ein Verhältnis mit Andrea Aebischer.» Gertrud glaubte eine leichte Veränderung in ihren Augen zu sehen. Hatten sich die Pupillen für einen Moment etwas verengt? «Und Andrea Aebischer war schwanger.»
«Aber doch nicht von meinem Mann!» Sie sagte es beinahe schmunzelnd.
«Wieso sind Sie sich da so ...?»
Sie wurde von Mancini unterbrochen, der die Tür einen Spalt geöffnet hatte und ihr zuwinkte.
Was ist denn nun schon wieder? dachte Gertrud. Der kam immer im dümmsten Augenblick. Sie ging zu ihm hin.
«Ich habe mit dem Gerichtsmediziner gesprochen. Er hat die DNA vom Embryo mit der von van der Meer bereits verglichen, sind selber darauf gekommen.»
«Und, ist er's?»
«Ja», flüsterte Mancini.
Sie setzte sich wieder zu Frau van der Meer an den Tisch. «Andrea Aebischer war von Ihrem Mann schwanger.»
Wieder bewegte sich etwas in ihren Augen, dann erstarrten sie. Blieben irgendwo in der Ferne haften.
«Frau van der Meer?»
Ihr Kinn zitterte. Von der Wimperntusche schwarz gefärbte Tränen liefen ihr die Wangen hinab. Sie haute mit der Faust auf den Tisch, schüttelte heftig den Kopf. Stand auf, lief zur nächsten Wand, schlug mit der Flachen Hand dagegen, dann mit dem Kopf. Gertrud winkte Mancini, der fassungslos an der Tür stand. «Los, holen Sie Hilfe!»
Sie rannte zu Frau van der Meer, deren Haare hatten sich gelöst, hingen ihr ins Gesicht. Sie schlug den Kopf nochmals gegen die Wand. Immer wieder. Gertrud versuchte sie zu beruhigen, sie wegzuziehen. Lisa van der Meer stolperte, verlor einen Schuh, sackte halb zu Boden. Der enge Jupe wirkte wie ein Korsett. Dann hörte Gertrud eine Naht platzen. Die Frau rutschte unten weg, krümmte sich zusammen. Gertrud kniete daneben, wollte sie beruhigen. Strich ihr die feuchten Haare aus dem Gesicht.
«Ich kann keine Kinder haben, wissen Sie? Hätte immer gerne welche gehabt.» Dann sagte Frau van der Meer nichts mehr.
War das ein Geständnis?
Es klopfte sachte an der offenen Türe. Mancini kam herein. Hinter ihm ein Sanitäter.
05.4.2006
Folge 33
Es war eines der letzten Mails, die Andrea Aebischer vor ihrem Tod erhalten hatte. Andrea hatte van der Meer ursprünglich geschrieben, sie müsse ihn unbedingt treffen, mit ihm etwas besprechen.
Worum es denn gehe, hatte er darauf geantwortet.
Sie wolle ihm das persönlich sagen. Treffen wir uns wie immer?
Wie immer, antwortete er. Und zum Schluss: Ich freu mich auf dich.
Gertrud war überzeugt, das konnte dabei nur die Schwangerschaft gegangen sein. Es klopfte an der Tür. Doch bevor sie herein sagen konnte, trat Mancini bereits in ihr Büro, gefolgt von einer Parfumwolke. Er stellte Gertrud etwas auf den Tisch, das aussah wie ein in Cellophan verpacktes Tortenstück mit einer bunten Schleife.
«Das ist für Sie. Ein neuer Laden, da gibt's Seifen in allen Farben.»
«Und Formen», ergänzte Gertrud und hielt ihre Nase daran. Es roch nach einer Mischung aus Zitrone und Schokolade. «Und, schon zurück? Haben Sie etwas herausgefunden?»
«Nicht wirklich.» Er schaute zu Boden.
«Übrigens. Van der Meer hatte ein Verhältnis mit Andrea Aebischer. Sie hatten Recht, Mancini.»
Er richtete sich wieder auf.
«So wie es aussieht, wurde sie, kurz nachdem sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hat, ermordet. Jetzt bräuchten wir nur noch einen Vaterschaftstest. Das würde eine Exhumierung bedeuten.» Die erste in ihrer Karriere. Sie verzog das Gesicht. Ihr graute bei der Vorstellung. Das kannte man doch aus Filmen. Mitten in der Nacht. Das Käuzchen, Nebelschwaden, ein paar Totengräber und daneben schlotternd die Kommissarin.
«Aber nein! Das ist nicht nötig. Die haben doch sicher den Embryo eingefroren.»
«Eingefroren?»
«Ja, ich war kürzlich an einem Kolloquium im Institut für Rechtsmedizin. Die bewahren die auf. Bis zu einem Jahr.»
«Ist das neu?» Gertrud konnte sich Mancini an einem Kollquium nicht vorstellen.
«Das Kolloquium?» fragte Mancini.
«Nein, das Einfrieren.»
«Keine Ahnung.»
«Könnten Sie nicht mal diesen Gerichtsmediziner anrufen, Sie wissen schon, diesen wortkargen, und das abklären?»
Kaum hatte sie den Satz beendet, war Mancini bereits aus dem Büro. Zurück blieb der Duft.
Sei schaute die Seife genauer an. Sie war rosa, gelb und beige.
Es wurde eng für Frau van der Meer.
04.4.2006
Folge 32

Der Regen hatte die Stadt über Nacht herausgeputzt. Alles schien frisch und neu. Der Himmel tauchte den nassen Asphalt in leichtes Blau. Einzig die Sihl wollte nicht recht ins Bild passen. Sie führte dreckig braunes Wasser. Und das nicht zu knapp.
Gertrud war heute früher ins Büro gegangen. Sie hatte das Bedürfnis nach Ordnung. Die Telefonnotizen stapelten sich bereits. Gertrud begann mit der obersten. Sie war vom Vortag. Den Namen konnte sie nicht richtig lesen und die Telefonnummer war ihr auch nicht bekannt.
Am anderen Ende meldete sich der Informatiker der Datenforensik. Sie hätten den Server des Sozialzentrums untersucht und dabei habe er noch ein paar Daten gefunden, die dort abgespeichert gewesen seien. Ein paar Dokumente. Und die E-Mails.
«Sie haben alle E-Mails?» Gertrud verfluchte sich, weil sie nicht besser organisiert war und nicht schon am Tag zuvor zurückgerufen hatte.
«Nein, nur die der letzten dreissig Tage. Als Backup. Ich kann Ihnen die Daten rüberschicken. Ich hab sie Ihnen als Textdateien auf CD gebrannt.»
Der Mann war einfach genial.
Gertrud staunte nicht schlecht, als sie die CD einschob. Die Menge elektronischer Post, die Andrea Aebischer in einem Monat erhalten hatte, war immens. Das mussten pro Tag im Schnitt über 20 Mails gewesen sein. Wie kam man da zum Arbeiten?
Die Dokumente waren nichts sagend. Konzepte über die Einführung von neuen Beratungsmodellen.
Die Durchsicht der E-Mails war anstrengend. Der Dateiname entsprach dem Betreff. Um herauszufinden, von wem eine Mail war, musste sie jede einzelne öffnen. Sie interessierte sich vor allem für Mails, die eine bestimmte Person gesendet hatte.
Wäre das nicht etwas für Mancini? Doch der war heute in Sachen Badesubstanzen unterwegs.
Sie suchte nach speziellen Begriffen. Interessant waren auch diejenigen Mails mit mehreren «AW:» im Betreff.
Das längste war vier Mal hin und her gesendet worden. Und es war ein Volltreffer.
03.4.2006
Folge 31
«War das Kerim?» wollte Gertrud wissen.
«Nein, Natascha.» Sie richtete die Gabel gegen ihre Mutter. «Das ist typisch für dich. Immer sind es die Männer.»
Gertrud wollte nicht darauf eingehen. «Wer ist Natascha?» fragte sie stattdessen.
«Ist neu beim Training.» Sie spiesste ein paar Penne auf. «Die hat nicht begriffen, was bedingtes Sparring ist. Es waren nur gerade Schläge erlaubt. Und die verpasst mir einen Seitenhaken. Mitten aufs Auge.»
«Das ist nicht nett.»
«Danke fürs Mitleid.» Sie steckte die Teigwaren in den Mund.
«Ich dachte, du wolltest ausziehen?» So einfach wollte es Gertrud ihrer Tochter nicht machen. War das hier ein Hotel, wo man kommen und gehen konnte, wie es einem passte?
«Das dachte ich auch. Aber so», sie deutete mit der Gabel auf ihr Auge, «kann ich mich nicht mit Kerim bei einem Vermieter vorstellen. Unser Auftritt in der Bäckerei gestern hat gereicht. Die haben uns alle angestarrt. Wie Ausserirdische. Araber schlägt seine Frau. Die Schlagzeile konnte man in den Gesichtern lesen.»
«Und wo ist Kerim jetzt?»
«Der kann noch eine Weile bei seinem Kumpel wohnen.» Sie wischte sich den Mund mit der Serviette ab.
«Du weisst, dass ich das nicht ...»
«Ja, du hast es bereits gesagt.» Mia räumte den Teller ab.
«Mia, bitte, versteh mich doch!»
«Ist klar. Du kannst nicht aus deiner Haut. Oder besser aus deiner Uniform. Das hast du wegen Papa damals auch gesagt. Immer musste ich dich verstehen. Du, mit deinen Prinzipien. Es ist Zeit, dass du mal über deinen Schatten springst.»
Mia hatte sehr darunter gelitten, dass sie sich mit Erich nicht mehr versöhnen wollte. Sie konnte ihm seinen Fehltritt nicht verzeihen. Hätte sie ihr zuliebe mit ihm zusammenbleiben sollen? Einem Mann, dem sie nicht mehr vertrauen konnte?
«Übrigens, ich habe Kerim morgen zum Nachtessen eingeladen. Er kocht für uns Couscous.»