19.4.2006

Folge 40

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 8. Späte Einsicht ]
Blüten
Der junge Mann sass rauchend auf dem Stuhl, das Gesäss nach vorne geschoben, ein Bein über das andere gelegt. Als sie hereinkam richtete er sich etwas auf.
«Seit wann darf man hier rauchen?» fragte Gertrud und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum.
«Das weiss ich doch nicht. Das sollten Sie besser ...»
«Gertrud Gut, Kantonspolizei.» Sie ging auf ihn zu und hielt ihm die Hand hin.
Er drückte sie zögerlich. «Hat sich jetzt auch noch der Kanton herbemüht? Zuerst die Stadt, dann der Kanton. Manchmal habe ich das Gefühl, ihr wisst selber nicht recht, wer wofür zuständig ist. Und vor lauter Chaos lassen sie einem hier sitzen, während die Polizisten Zuhause mit ihren lieben Kindern Eier suchen.» Er liess die Zigarette über seine Schulter nach hinten auf den Boden fallen.
Gertrud zählte bis drei. «Ich bin nicht von der Drogenfahndung.»
«Was Sie nicht sagen.»
«Herr Aebischer, ich bin wegen Ihrer Schwester hier.» Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich. Er zog ein zerknautschtes Pack Zigaretten aus der Brusttasche seiner Jeansjacke und steckte sich eine an.
Gertrud blickte zum Fenster. Davor blühte ein japanischer Kirschbaum. «Ich nehme an, Sie wissen, dass sie tot ist.»
«Ja.»
«Wissen Sie auch, dass sie schwanger war?»
«Soll das ein Witz sein?»
«Nein.»
«Meine Schwester und Männer!»
«Da hab ich was anderes gehört.»
«Hören Sie, was Sie wollen. Andrea war mit Marion zusammen. Schon lange.»
«Marion wie viel?»
«Marion Tobler. Wollen Sie noch ihre AHV-Nummer?»
«Nicht nötig.»
«Kann ich jetzt gehen?»
«Und die Spritzen in Andreas Wohnung, die sind von Ihnen.»
«Ist es verboten, saubere Spritzen aufzubewahren?»
«Wie gesagt, ich interessiere mich nicht für Ihre Drogengeschäfte.»
«Das glauben Sie ja selber nicht. Einmal Polizist, überall Polizist. Euch geht es doch vor allem um die Moral. Der Rest interessiert gar nicht.»
«Darf ich Sie bitten?»
Sie hielt ihm die Türe auf.
Er ging an ihr vorbei und hielt ihr die bis zu Hälfte gerauchte Zigarette hin. «Draussen ist Rauchverbot.»
Gertrud nahm den Stummel, liess ihn zu Boden fallen und drückte ihn mit dem Schuh aus.


18.4.2006

Folge 39

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 8. Späte Einsicht ]
Burghölzli
Die psychiatrische Klinik Burghölzli lag oberhalb der Stadt. Das Panorama war dementsprechend. Scheinbar hatte es Frau van der Meer mit der Aussicht. Sie machte einen entspannten Eindruck, sass ruhig neben Gertrud auf der Bank, die Hände im Schoss. Nur wenn die Wolken die Sonne für einen kurzen Moment freigaben, bildeten sich kleine Falten auf ihrer Stirn.
Oder war es ihre eigene Erholung, die Gertrud spürte? Paris hatte ihr gut getan. Es schien ihr, als sei sie lange weg gewesen und nicht nur für ein paar Tage. Sie hatte viel Zeit gehabt, um nachzudenken und fühlte sich wieder besser. Ihre Nikotinkaugummis hatte sie nach ihrer Ankunft im Hauptbahnhof in den ersten Abfalleimer geworfen. Die brauchte sie nicht mehr.
«Ich wusste nicht, dass Andrea Aebischer von meinem Mann schwanger war. Bitte glauben Sie mir das», sagte Lisa van der Meer und blickte auf ihre Hände.
Die Kommissarin wollte ihr glauben. Hätte die Frau sonst so stark reagiert? Aber wenn sie das alles gespielt hatte?
«Er hätte mich ausserdem nie verlassen. Das habe ich auch dieser Frau gesagt.»
«Welcher Frau?» fragte Gertrud.
«Sie war kurz vor dem Tod meines Mannes bei mir und fragte mich, ob ich wisse, dass mein Mann ein Verhältnis mit Andrea Aebischer hatte und dass die jetzt tot sei.»
«Wie hat die Frau ausgesehen? Hat sie sich vorgestellt?»
«Nein, das hat sie nicht. Sie hatte dunkle, kurz geschnittene Haare, war etwa Mitte dreissig. Viel Kajal um die Augen. Machte aber sonst einen recht burschikosen Eindruck.»
«Burschikos, inwiefern?»
«Sie trug eine Lederjacke, hatte relativ grobe Schuhe an und die Hände in den Hosentaschen.»
Gertrud wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Tischte ihr da Frau van der Meer die grosse Unbekannte auf? Sie merkte wie ihr Mitleid zu dieser Frau langsam schwand. Weil sie mit sich selber kein Mitleid mehr haben wollte? Nicht mehr die Betrogene, das Opfer sein wollte, weil ihr Mann sie wegen einer anderen verlassen hatte?
Gertrud verabschiedete sich. Sie musste noch ins Kommissariat. Man hatte den Bruder von Andrea Aebischer gefunden. Mancini wollte es ihr mitteilen, bevor sie nach Paris fuhr. Doch das hatte keine Eile gehabt. Denn weglaufen konnte Stephan Aebischer nicht. Er sass in Untersuchungshaft.


14.4.2006

Lesung

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 8. Späte Einsicht ]
Und wo bleibt Gertrud?

Gertrud lässt sich's in Paris gutgehen. Sie grüsst alle herzlich. Am Dienstag ist sie wieder da, frisch erholt, wollen wir mal hoffen.
Sie freut sich, den einen oder die andere ihrer Fans am Sonntag, 23. April im El Lokal zu treffen. Besonders gespannt ist sie natürlich auf ihre Kollegen Dr. Watson, Hercule Poirot, Ralph und Columbo (vielleicht klappt das ja mit der Live-Schaltung).


Lesung und Diskussion

Zürcher Fortsetzungskrimis

Stephan Pörtner und Sabina Altermatt lesen aus «Metzgete in Zürich Nord» und «Nervengift»
(inkl. unveröffentlichte Folgen vom Montag, 24.4.06) und unterhalten sich über die Freuden und Tücken, einen Fortsetzungsroman zu verfassen.

Moderation: Bettina Spoerri

Sonntag, 23. April 2006 um 14.14 Uhr

El Lokal, Gessner-Allee 11, Zürich

Eintritt frei


12.4.2006

Folge 38

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 8. Späte Einsicht ]
Postkarte
Postkarte2


11.4.2006

Folge 37

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 8. Späte Einsicht ]
«Hast du alles?» fragte Mia, als sie am Bahnhofquai aus dem Tram stiegen.
«Du kommst auch noch früh.» Gertrud griff nach ihrer Handtasche. «Ich denke schon. Identitätskarte, Handy, Geld. Das Handy lass ich hier.» Sie drückte es Mia in die Hand.
«Und wenn dich jemand sucht?» Die Haut um ihr rechtes Auge war immer noch leicht grünlich verfärbt.
«Dann bin ich nicht da. So einfach ist das.»
Sie folgten Kerim, der mit dem Koffer voraus lief. Die Bahnhofshalle war voll gestopft. Alle schienen dem schlechten Wetter entfliehen zu wollen und wieselten durcheinander. Keiner ging in dieselbe Richtung.
Auf welchem Gleis fuhr schon wieder der ICN nach Lausanne? Sie hatte es aufgeschrieben, weil sie genau wusste, dass sie sich so etwas Simples wie eine Zahl nicht merken konnte. Der Zettel steckte in ihrer Jackentasche. Genau, Gleis 12.
Als Gertrud wieder aufblickte, war ihre Tochter weg und auch Kerim sah sie nicht mehr. Sie glaubte, Mias rote Jacke im Gewirr zu erkennen. Doch dann war sie wieder verschwunden. Ihr Blick fiel stattdessen auf eine blaue Kapuze. Ein kleiner Junge, der vom Vater auf den Schultern getragen wurde. Es war wirklich Zeit, dass sie für ein paar Tage wegfuhr. Auch wenn die Prognosen für Paris nicht sonderlich gut waren. Immerhin war es dort wärmer als in Zürich.
Dann sah sie Kerim und Mia etwas abseits neben einem Gepäckwagen stehen, von zwei Uniformierten eskortiert.
«Ihren Ausweis bitte!» hörte sie den einen zu Kerim sagen. Schnell stellte sie sich dazwischen. «Das wär' aber nicht nötig gewesen, dass mir der Polizeichef zwei Kollegen zum Abschied vorbeischickt. Wie freundlich.»
Die beiden schauten einander an.
«Gertrud Gut, Kantonspolizei.» Sie zeigte ihren Ausweis.
«Und das ist meine Tochter. Und ihr Freund.»
«Wänn Sie das säged», sagte der mit den kurz geschorenen Haaren. Die beiden schauten sich nochmals an und trotteten davon.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Gertrud winkte ein letztes Mal Kerim und Mia zu. Weiter hinten versuchte noch jemand, den ICN zu erwischen. Der arme, dachte sie, der kommt zu spät. Aber der Mann gab nicht auf, machte sogar ein paar Meter gut. Da erkannte sie ihn. Es war Mancini. Ausser Atem wollte er ihr etwas zurufen. Doch sie verstand kein Wort.


10.4.2006

Folge 36

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 8. Späte Einsicht ]
Frau van der Meer war auch am nächsten Tag nicht vernehmungsfähig. Sie wurde zur weiteren Überwachung ins Burghölzli gebracht.
Gertrud behagte diese Entwicklung ganz und gar nicht. War der Zusammenbruch ein Geständnis oder im Gegenteil der Beweis, dass sie nichts von der Schwangerschaft gewusst hatte und demzufolge auch nicht als Täterin in Frage kam? Sie versuchte, den Fall Schritt für Schritt durchzugehen, doch die Gedanken glitten durch ihren Kopf wie wenn da jemand Schmierseife ausgeleert hätte. Sie spürte den schweren Rotwein, den es am Vorabend zum Couscous gegeben hatte. War wirklich ein netter Kerl, dieser Kerim. Er tat ihrer Tochter gut. Wieso musste auch alles immer so kompliziert sein.
Sie bestellte ein Mineralwasser. Gian war wieder mal zu spät. Was er sich als Polizeichef leisten konnte. Sie schaute zum Fenster des Bernerhofs hinaus und beobachtete eine Gruppe von Schülern, die vor der Kantonspolizei herumlungerten. Die wollten sicher ins Kriminalmuseum. Und dann war da noch ein Fotograf, der eine Frau und einen Mann ablichtete. Scheinbar musste der Schriftzug Kantonspolizei mit aufs Foto. Komische Idee. Wie Touristen sahen die jedenfalls nicht aus.
Endlich betrat Gian das Restaurant. Er bestellt einen Espresso.
Sie kam gleich auf den Punkt, kaum hatte er sich gesetzt. «Gian, ich möchte den Fall abgeben.»
«Wie bitte?» Er stellt die Tasse wieder ab, ohne einen Schluck Kaffee genommen zu haben.
«Wir haben ja bereits darüber gesprochen. Als ich mich vor ein paar Tagen zu sehr auf diesen van der Meer einschoss. Und nun ist es wegen seiner betrogenen Frau. Ich kann sie gut verstehen. Zu gut.»
«Was noch lange nicht heisst, dass sie die Mörderin ist.»
«Es geht mir zu nah. Ich bin voreingenommen, parteiisch, verhalte mich unprofessionell.»
Gian schaute sie eine Weile an. «Du brauchst Ferien. Ich schlage vor, du fährst über Ostern weg, erholst dich ein paar Tage und bekommst etwas Abstand. So lange Frau van der Meer nicht ansprechbar ist, können wir sowieso nichts weiter unternehmen.» Und dass du mit dem Thema vertraut bist, das ist nicht nur schlecht.»
«Kommst du mit?»
Er schaute sie leicht erschrocken an.
«Kleiner Scherz», sagte Gertrud, versuchte zu lächeln und stand auf. «Ich geh dann mal packen.»