09.5.2006

Folge 54

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 11. Leere Worte ]
Rosengartenstrasse
«Aber ich kann doch nicht so ...?» Frau van der Meer deutete auf ihre Kleidung.
«Ich werde Ihnen einen Kollegen vorbeischicken.»

Gertrud fuhr wieder zurück. Im Tram rief sie Mancini an. Sie fragte ihn, ob er nicht mitkommen wolle zu Frau Klein. Doch ihr Assistent schien sehr beschäftigt. Er habe die Kunden des Seifenfabrikanten eingrenzen können. Wieso genau, verstand Gertrud nicht. Es war auch egal. Sie glaubte nicht wirklich, dass man über das auf dem Kimono gefundene Badeöl etwas herausfinden konnte. Aber für Mancini war diese Recherche keine schlechte Übung.
Gertrud war ungeduldig. Sie hatte das Gefühl, nicht vorwärts zu kommen. Und das lag nicht nur daran, dass der Bus am Albisriederplatz wegen Bauarbeiten feststeckte und sie im Begriff war, eine Strecke, die sie soeben gefahren war, wieder zurückzufahren. Der Morgen war bis jetzt ein absoluter Leerlauf gewesen.
Endlich fuhr der Bus los. Sie stieg an der Rosengartenstrasse aus. Bereits zum zweiten Mal an diesem Tag.

Die Parterre-Wohnung war einfach eingerichtet. Ein Tisch mit vier Stühlen. Ein braunes Buffet. Ein Canapé. Die Jalousien waren herunter gelassen. Gertrud betrachtete die Frau im grellen Schein der Lampe. Ihr Gesicht hatte etwas Maskenhaftes. Es war glatt, beinahe faltenfrei, doch die Frau wirkte trotzdem alt. Sie sass auf der vordersten Kante des Stuhls.
«Ich habe mehrmals versucht, Sie anzurufen. Waren Sie weg?» fragte Gertrud mit einem vorwurfsvollen Unterton, obwohl sie genau das nicht wollte. Die Frau machte einen verschüchterten Eindruck und sie wollte nicht schon zu Beginn alles vermasseln wie bei Marion Tobler.
«Nein, ich war hier.» Gertrud verstand sie kaum. Der Lärm (PDF, 1.8 MB) der Strasse drang trotz der geschlossenen Fensterläden ins Zimmer. Ausserdem sprach die Frau undeutlich. Wie jemand, der beim Zahnarzt gewesen und dessen Backe noch betäubt war.
«Leute, die Sozialhilfe beziehen, halten sich normalerweise nicht irgendwo im Ausland auf.» Sie verschränkte die Arme, sah Gertrud trotzig an, blickte dann aber zu Boden. «Ich konnte nicht telefonieren. Das heisst, nicht sprechen.» Sie deutete auf ihre Backe.
«Sie waren Klientin von Frau Aebischer?»
«Ja.»
«Sie wissen, dass sie tot ist?»
«Ich habe in der Zeitung darüber gelesen.»
«Und wieso ist Ihr Dossier leer?»
«Leer?»
«Frau Aebischer hat sich keine Gesprächsnotizen gemacht.»
Marita Klein schwieg.
«Bitte, Frau Klein.» Die Frau rührte sich nicht. «Haben Sie Angst?»
Marita Klein schaute langsam zu ihr hoch. «Wer hat das nicht?»
«Ich möchte Ihnen helfen.»
Frau Klein versuchte zu lächeln, doch ihr Gesicht verzog sich nur ein wenig. «Also gut.» Draussen donnerte ein Lastwagen vorüber.


Kommentare

Columbo - frank_columbo [at] hotmail.com
2006-05-09 02:45:01

A – ha; so langsam fügt sich das Puzzle zusammen, auch wenn mir noch nicht ganz klar ist, wie. Nach Gertrud's Beschreibung wage ich zu behaupten, die ängstliche Frau Klein hat sich vor noch nicht allzu langer Zeit einer plastischen Operation unterzogen – und hat nicht unsere Kommissarin damals in Andrea's Wohnung ein Buch zum Thema "Plastische Chirurgie" gefunden? Wie das alles mit den Morden zusammenhängt ist natürlich eine andere Frage – ich glaub, der Sandro soll mir noch einen Kaffee bringen, und ich lass mir das nochmal durch den Kopf gehen.

Klar dürfte jedenfalls sein, dass kosmetische Operationen wahrscheinlich nicht zu den Standard – Leistungen des Sozialamts gehören (hoffe ich auf jeden Fall). Und im Falle eines rekonstruktiven Eingriffs, etwa nach einem Unfall, wäre wohl eher die SUVA oder die Krankenkasse zuständig. Also; wie kam Marita zum Geld für die Operation, weshalb war Andrea so an den Details interessiert, dass sie sich in ihrer Freizeit mit entsprechender Fachliteratur beschäftigt hat, und, wie gesagt, was hat das alles mit dem Ableben von Andrea und / oder Christiaan zu tun?

Na ja, jetzt, wo wir wissen, dass es sich bei Marita nicht um ein junges Mädel handelt, können wir wenigstens die Theorie, dass sie den Christiaan selber anbaggern wollte, um sich irgendwelche sozialhilfetechnischen Vorteile zu sichern, wohl begraben. Aber trotzdem – es gibt sicher einen Grund, weshalb die Frau einen so verängstigten Eindruck macht.

Ok Gertrud, die Wette gilt; deiner Ansicht nach ist Mancini's Versuch, eine Kundenliste des Seifenfabrikaten zu erstellen, eher eine Beschäftigungstherapie, um seinen Tatendrang abzureagieren. Ich glaube hingegen, unser Sandro ist einmal mehr auf der richtigen Spur, bisher hat er immerhin eine ganz gute Nase bewiesen (ist wohl auch wichtig, bei Ermittlungen im Seifen – Miliöö).

Nur so am Rande – steht eigentlich im Handbuch für zürcher Kommissarinnen etwas davon, dass man Verdächtige zunächst mal beschuldigt und dann alleine lässt, bis die Kollegen jemanden zum Abholen vorbeischicken? Man weiss ja nie, wie selbst der scheinbar ausgeglichenste Mensch auf sowas reagiert, und Lisa hat ja mit ihrem kürzlichen Zusammenbruch schon mal demonstiert, dass sie im Bereich Stressbewältigung ein wenig Mühe hat. Und falls sie's wirklich war unter der blauen Kapuze; könnte sie sich jetzt nicht in die Ecke gedrängt fühlen und sich zu einer Verzweiflungstat hinreissen lassen? Von der Möglichkeit, allenfalls vorhandene weitere belastende Gegenstände noch schnell verschwinden zu lassen, ganz zu schweigen. Andererseits ist dies ja keine Dokumentation, und ich will Sabina auf jeden Fall ihre künstlerische Freiheit zugestehen. Und es ist ja auch viel interessanter, wenn unsere Frau Kommissarin nicht als überperfekte Superheldin auftritt, sondern uns mit ihrem manchmal fragwürdigen Vorgehen neuen Stoff für Diskussionen bietet.




Hercule Poirot
2006-05-09 10:58:52

Bongschur mein lieber Columbo
Wie ich sehe (lese,) harren Sie hier alleine der Dinge, wie sie kommen wollen. Was ist denn mit unserer Gilde der Superdetektive los? Ich war gestern arbeitsbedingt etwas gestresst, so dass ich das Geschehene ausschliesslich in lesender Form verfolgt habe. Aber heut, da will ich wieder voll mittun.

Irgedwie habe ich da so eine Eingebung, welche ich hier gerne Kund tun möchte:
Ich meine; Frau Klein hat nach Verweigerung der Kostenübernahme für die Weiterbildung nach einer alternativen Finanzierungsmöglichkeit gesucht. So ist sie an zwielichtige Gestalten der Anti-Age-ing Bewegung geraten, welche ihr Geld für Medi-Versuche bezahlt haben, welche aber ethisch, menschlich und gesundheitlich sehr fragwürdig sind. Sie hat Andrea Aebischer davon erzählt, welche in der Folge selber Nachforschungen angestellt hat. Diese waren dann leider derart erfolgreich, dass sich die zwielichtigen Gestalten bedroht fühlten und die unliebsame Mitwisserin aus dem Weg schafften. Frau Klein wurde unter Druck gesetzt, und da ihr Selbstwertgefühl seit Geburt etwas arg in Mitleidenschaft gezogen ist, hat sie Angst gekriegt und dicht gehalten.
Der Mord an Christiaan vdM ist dabei eine ganz andere Geschichte, ohne Zusammenhang mit dem Mord an andrea Aebischer. vdM wurde aus Eifersucht und Rache von seiner Ehefrau der Schädel eingeschlagen.

Ach Columbo. Frau vdM ist ja noch gar keine richtige Mordverdächtige. Man will von ihr mit kleinen Wattestäbchen bewaffnet nur ein wenig im Mund herumstockern, um an die kleinen Dinge zu kommen. Nein, nicht Karies, sondern die DNA. Von daher kein Problem, wenn dann ein Kollege die Dame kurz abholt und in Präsidium bringt. Wesshalb der nicht einfach das Wattestäbchen mitbringen kann, weiss ich auch nicht

Columbo
2006-05-09 13:12:22

Mon Diöö, mein lieber Poirot, was täten wir nur ohne ihre kombinatorische Genialität? So ergibt natürlich alles einen Sinn; es ist ja durchaus möglich, dass nicht nur Barbara Brand, sondern eben auch Marita Klein mit einem ablehnenden Entscheid zu einer Ausbildungsfinanzierung fertig werden musste. Und wer weiss, vielleicht sind die beiden Frauen im Warteraum des Sozialamts ins Gespräch gekommen, damals, als Andrea noch öfter mal "was ganz dringendes" im Büro des Chefs zu erledigen hatte. Und dann, bei einem dampfenden Espresso in der Sozialamt – Cafeteria (deren Kaffee Gertrud ja so gerühmt hat), ist man dann auf die Idee mit den Medi – Versuchen gekommen. Dass Reisen billig ist, hat Gertrud ja über Ostern höchst persönlich erfahren, und so ging's dann kurzentschlossen auf nach London. Frau Brand hatte Glück und landete in der Placebo – Kontrollgruppe, während Marita Opfer eines unausgereiften Versuchs wurde.

Wenn jetzt auch noch der gute Monk zu uns stösst, kann er uns sicher erklären, wie das alles mit unserem Fall zusammenhängt :-)

Andererseits – was, wenn Marita Klein früher mal was mit dem Herrn VdM hatte? Von der trauernden(?) Witwe wissen wir, dass es da eine lange Liste von Frauengeschichten gibt. Was, wenn Marita's Zustand das Resultat irgend eines Malöörs ist, für das sie Christiaan verantwortlich macht? Hat sie vielleicht irgendwie herausgefunden, was da zwischen ihm und Andrea los war, und dann die Andrea gewarnt, der VdM sei dann im Fall ein ganz gefährlicher? Aber zu spät, der alte Schürzenjäger, der so gar nicht Pappa werden wollte, hatte seine Mordpläne längst geschmiedet. Daraufhin, vollends davon überzeugt, dass ohne ihr Eingreifen weitere ahnungslose Frauen in Gefahr gerieten, ist Marita kunstwerkschwingend zur grauslichen Rachetat geschritten ...

Hmmm, merkt man, dass ich heute Abend mal wieder Zeit für die ausgefallensten Spekulationen habe? Na ja, hier sind sämtliche TV Kanäle (d. h. alle 4) mit Sondersendungen geflutet, und so sehr ich den Jungs auch gönne, dass sie nach zwei Wochen mal wieder Tageslicht sehen; auch das geduldigste Detektiv – Auge kann nur eine begrenzte Anzahl Wiederholungen der immer gleichen Bilder ertragen.

Fast hätt ich's vergessen – mit dem Wattestäbchen hast du natürlich auch recht, scher Hercule. Möglicherweise war Gertrud's erster Gedanke, die Frau VdM gleich mitzuschleppen, eher eine Spontanreaktion, es ist ja nicht gesagt, dass der Kollege, der da vorbeigeschickt wird, sie wirklich abholen soll. Gut möglich, dass es sich dabei um jemanden aus dem Labor handelt, der mit entsprechender Ausrüstung (Wattestäbchen und Plastiktüte) anrückt und die Probe gleich an Ort und Stelle nimmt.


Hercule Poirot
2006-05-09 14:03:50

Werter Columbo
Unsere Freunde melden sich heute tatsächlich nicht mehr. Hoffen wir mal, dass ihnen nicht's untröstliches zugestossen ist, wobei ich in den Newstickern noch nichts Entsprechendes entdecken konnte, was in mir Hoffnung aufkommen lässt.

Ach, da hab ich aber was verwechselt bei meinem Versuch der Verbrechensrekonstruktion. Habe Barbara Brand und Merita Klein als eine Person gesehen, bzw. nicht mehr bedacht, dass die mit der Ausbilung eine Andere war. Ca ce la vie (oder wie man das auch immer schreibt). Ihre zusätzlichen Ausführungen machen das Ganze dann ja auch wieder plausibel.

Bezüglich dem Miner's Unglück war deren Rettung gar in unseren Medien zu lesen.

Monk - [at] fbi.com
2006-05-09 19:57:57

meine lieben freunde
also ich bin völlig erschüttert und erwäge ernsthaft, meine spürnäserische tätigkeit definitiv an den nagel zu hängen - zu schmerzhaft sind die erkenntnisse, die sich mir aufdrängen.
der grund warum ich mich GESTERN nicht gemeldet habe: ich las einen ur- ur- ur-alten krimi wo unser genialer sowie geschätzter kollege h p (ich wag es wirklich nicht, diesen namen auszuschreiben, ja nur an die konsequenzen zu denken, falls er diese zeilen zu gesicht bekommt - ich bin meines lebens nicht mehr sicher und werde bis ans ende meiner tage - verfolgt und und geächtet in schmutzigen winkeln unterschlupf und schutz suchen müssen. kein einziges bad werde ich mehr in erwägung ziehen können - aus angst, meuchlings ...- nein es ist schrecklich), also, wo unser geschätzter kollege, den ausländer aus dem norden wo die frittes her kommen, mein ich, als "lächerlicher kleiner mann mit einem übergrossen schnurrbart und einem UEBERDIMENSIONALEN eierkopf" geschildert wird. ich bitte euch, meine werten kollegen: habt ihr später jemals wieder von diesem auffallenden merkmal gehört? völlig aus den dossiers verschwunden! niemand hat mehr davon gesprochen (siehe gertruds traum betr. sprachprobleme) und auch all seine tiefsinnigen kommentare liessen in nichts darauf schliessen. und heute dieser kapitale fehler: er erkennt und schildert sofort und in allen details die anti-aging-bewegung und weiss sogar um die kosten. das insider-wissen ums burghölzli war demnach nur abgeleitet. und - ist euch nicht auch aufgefallen, wie sehr er sich für marion einsetzte? ja, seine ganze distance und erhabenheit verlor. das gab's noch nie in seiner ganzen karriere. und dann war er gestern nur 'lesehalber' dabei. das heisst doch im klartext er nahm den bus an die rosengartenstrasse oder lässt die bei ihm inhaftierte killer-hummel auf barbara brand UND merita klein los.
haben wir es tatsächlich mit einem mr hyde zu tun???
oder noch viel, viel schlimmer: wird unser überdimensionale eierkopf irgendwo unter schrecklichen umständen fest gehalten (vielleicht muss er ja zwangsweise in einem englischen kommissariat KAFFEE statt tee kochen???!!!)
ich bin erschüttert und stelle fest, dass unser treffen in downunder immer dringender wird, denn so wie sich das trudeli anstellt, wird sie uns kaum helfen können.


ps: eigentlich einleuchtend, das mit der kosmetischen operation. dann kennen wir jetzt ENDLICH das motiv von der lisa, ihrem christiaan den schädel ein zu schlagen: sicher hat er sich geweigert, sein langweiliges gesicht operieren zu lassen. das kann eine frau ganz schön nerven

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