16.5.2006

Folge 59

Von Sabina Altermatt um 00:03 [ 12. Schöne Wahrheit ]
Die Ärztin lachte. «Nein, hierhin.»
Erst jetzt sah Gertrud zwei Sessel, die in einer Ecke standen. Sie setzten sich.
«Was kann ich für Sie tun? Ich nehme nicht an, dass Sie wegen einer Schönheitsbehandlung hier sind.»
«Sie meinen, weil es bei mir zu spät ist?»
«Es ist nie zu spät, das ist eine unserer Devisen.»
«Sagt Ihnen der Name Progladis etwas?» fragte Gertrud.
«Nein, noch nie gehört.» Frau Sommerhalder lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander.
«Ein Mittel zur Faltenglättung.»
«Wir verwenden Botox. Das ist ...»
«Ich weiss, was Botox ist», unterbrach sie Gertrud. «Führen Sie auch Studien durch?»
«Sie meinen klinische Versuche? Nein, dazu haben wir schlicht keine Kapazität. Das ist auch nicht unsere Aufgabe als Klinik.»
«Was ist denn Ihre Aufgabe?»
«Den Leuten zu helfen. Sie glücklicher zu machen, zufriedener. Und auch schöner.»
«Und wer bestimmt, was schön ist?»
«Jeder und jede für sich selber.»
«Sie meinen wohl eher die Schönheitsideale, die uns die Werbung vorgaukelt.»
«Wir gehen von mündigen Individuen aus, die selber entscheiden können. Die Leute kommen freiwillig zu uns, weil sie eine Leistung wollen. Und die bekommen sie auch. Das Bedürfnis ist da. Das wird nicht von uns gemacht. Wir führen lediglich aus.»
«Haben Sie sich auch schon gefragt, wieso diese Leute nicht mit ihrem Äussern zu Recht kommen? Vielleicht haben sie ja ein psychisches Problem.»
«Wir sind ein Dienstleistungsbetrieb. Ich kann die Leute nicht erst zum Psychiater schicken, um ihre Psyche abzuklären.» Sie machte eine Pause und sah Gertrud an. «Und so wie ich Sie einschätze, ist Ihnen Eigenverantwortung ebenfalls wichtig. Sie sehen mir nicht wie eine Polizistin aus, die alles bis ins letzte reglementieren will.»
«Nicht?»
«Sie setzen auf den gesunden Menschenverstand.»
Gertrud wechselte das Thema. «Haben Sie eine Patientin mit Namen Marita Klein?»
«Aber Frau Gut, Sie wissen doch so gut wie ich, dass ich Ihnen keine Namen herausgeben kann. Oder haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss?»
«Und Andrea Aebischer?»
«Ich kann dazu nichts sagen. Tut mir Leid.»
Die Tür öffnete sich und eine Patientin streckte ihren Kopf herein. «Ich muss Sie unbedingt sprechen. Da stimmt etwas ...»
Die Ärztin stand auf und ging rasch auf die Frau zu. «Aber nicht jetzt.»
Doch die Patientin hatte sich bereits in den Raum geschoben. Sie trug einen weissen Mantel. Frau Sommerhalder versuchte, sie zur Tür hinauszubugsieren.
«Nicht so schnell! Darf ich?» Gertrud stand bereits daneben. Sie packte die Frau am Ärmel und kehrte den Stoff auf die linke Seite. «Handgenäht. Wie edel.»
«Ich komme gleich zu Ihnen.» Die Ärztin stiess die Frau auf den Gang und schloss rasch die Türe.
«Bitte, setzen wir uns wieder.»
Gertrud blieb stehen. «Tragen alle Ihre Patienten solche Kimonos?»
«Nur die stationären. Das heisst, wenn jemand länger da ist.»
«Andrea Aebischer, die vor zweieinhalb Wochen tot im Zürichsee gefunden wurde, trug auch so einen Mantel.»
«Ach ja?» Frau Sommerhalder ging zur Tür, drehte den Schlüssel und steckte ihn ein.


Kommentare

Special Agent Gibbs - leroy.gibbs [at] ncis.gov
2006-05-16 00:26:09

Oh oh, will die Ärztin unsere heissgeliebte Getrud ermorden?
Oder wieso schliesst die Türe mit em schüssel zu und steckt den auch noch ein???
Wieso wollte sie nicht das die Patientin reinkommt, damit Trudeli den Mantel net sieht???
Langsam wird es ja interessant wo es dem ende zugeht.

Columbo - frank_columbo [at] hotmail.com
2006-05-16 03:51:12

Mon scher Hercule, jetzt sind wir aber enttäuscht. Gerade dich hätte ich mir gut vorstellen können in den noblen Gängen des Rosenhügel, schnurrbartzwirbelnd ein diskretes Auge hinter diese oder jene Tür werfend, und allfälligen kritischen Fragen des Personals mit einem genialen exzentrischen Auftritt den Wind aus den Segeln nehmend. Statt dessen schipperst du wohl mal wieder den Nil runter. Na ja, wenigstens dürfen wir auf deine moralische Unterstützung zählen. Vielleicht taucht ja der Dr Watson noch auf und legt einen gepflegten britischen Auftritt hin, das dürfte auch funktionieren.

Also ich weiss ja nicht, ob Gertrud das Gespräch mit der Frau Doktor so geschickt angefangen hat. Sie mag ja von der ganzen Schönheits – Industrie keine allzu hohe Meinung haben, aber muss sie das der Frau Sommerhalder gleich um die Ohren hauen? Das schafft doch nur eine potenziell feindselige Haltung, bevor wir überhaupt zu den relevanten Fragen kommen. Es wäre vielleicht positiver, bezüglich solcher "Nebensächlichkeiten" erst mal eine freundliche Atmosphäre zu schaffen, um dann die Gesprächspartnerin mit den wirklich heiklen Fragen zu Andrea's Schicksal umso unvorbereiteter zu treffen.

Aber so wie's aussieht, ist die Zeit für subtile Spielchen sowieso vorbei. Ganz unvorhofft wurde uns bestätigt, dass Andrea's Bademantel mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dieser Klinik stammt. Und Frau Doktor's Reaktion sagt mir irgendwie, dass hier wirklich nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Möglicherweise verrät uns das weitere Verhalten der Frau ihre Schuld, noch before wir andere hieb- und stichfeste Beweise finden (etwa wie ein "Zeuge", der versucht, zu fliehen und sich dadurch überhaupt erst verdächtig macht). Hoffen wir mal, der Sandro wuchtet seine Körperfülle durch die geschlossene Tür, bevor Gertrud doch noch unfreiwillig zu einer Gratis – Operation kommt. Falls die dummerweise auftauchende Patientin sagen wollte, dass da irgendwas nicht stimmt (vielleicht "irgendwas" ähnliches wie bei Marita?), ist zu befürchten, dass es hier nicht "nur" um die Verhinderung der Aufklärung eines Mordes geht, sondern auch um die Fortsetzung gewisser Experimente ...


Monk
2006-05-16 10:48:23

was für eine komische art zu sprechen... normalerweise müsste die patientin doch eher äussern 'mir geht es nicht gut' oder 'ich habe ein problem' also eine ICH-botschaft bringen.
'es stimmt etwas ....' - gehen wir mal davon aus, der rest des satzes sollte heissen ..stimmt etwas NICHT - deutet eher darauf hin, dass die patientin im edlen bademantel sich über eine drittperson bzw. eine situation gedanken macht.* (das erinnert mich an einen tatsächlichen fall: ein 80 jähriger arzt führte in einer schönheitsklinik fastenkuren durch. ausser ihm waren noch angestellt eine köchin - in einer fastenklinik! - und ein gärtner. *nachts waren die patienten auf sich gestellt. fazit: in 7 jahren 9 todesfälle und jedes mal die freundliche ermahnung an den arzt, 'damit aufzuhören')
was hat die patientin wohl wirklich beobachtet? vielleicht schleicht ja bereits mancini inkognito durch die gänge? oder - schröcklicher gedanke - ist bereits 'operiert' worden! wir erinnern uns: seit ein paar stunden fehlt von ihm jede spur. was, wenn er der badeölspur folgend in die klinik ging un die frau doktor bereits vor stunden auch hinter ihm die türe geschlossen hat???? *schauder

Hercule Poirot inkognito
2006-05-16 13:51:09

(*flüster) Alor meine Freunde
Ich kann nur leise schreiben(*grins) und muss mich beeilen. Ich wollte ja zuerst gar nichts mehr beitragen, da ich, und jetzt haltet euch fest, mich verdeckt ermittelnd in der Klinik Rosenügel befinde. *räusper. Ich habe vorgegeben, meine aus den Fugen geratene Bauch- und Brustmuskulatur wieder etwas stärker zur Geltung bringen zu wollen, und dabei hat man mir ganz nebenbei noch eine neuartige Faltenbehandlung zum Sonderpreis angeboten (diese Ignoranten eines gepflegten Aussehens im vortgeschrittenen Alter).

Also, wie gesagt. Ich hab vorhin von meinem Zimmer aus unsere Gertrud in der Klinik vorfahren sehen. Ich habe nun in Vorahnung eines sich anbahnenden Maleurs mir meinen flauschigen, handgenähten Kimono übergeworfen und habe mich in das unter Stockwerk begeben. Aktuell befinde ich mich in einem Zimmer neben dem Büro der Chefärztin und schreibe meinen Beitrag sozusagen "Live" auf einem Palm. Wenn der Mancini nun das abgeschlossene Zimmer nicht rechtzeitig (Vor der tötlichen Injektion des Mördermittels in Gertruds Hintern) erreichen kann, versuche ich meinen beleibten Körper einzusetzen und das Büro der schrulligen Frau Chefdoktor zu stürmen.
Die Dame auf dem Flur habe ich vorhin bemerkt. Auf Grund einer eher grösseren Distanz zwischen ihr und mir konnte ich deren Gesicht aber nicht deutlich sehen und kann so nicht beurteilen, wass den nicht stimmt. Also, bewegt euch zusammen mit den Züri-Leuen zur Klinik Rosenhügel. Gut möglich, dass es hier zu einem Showdown kommt. (*jetzt aber pscht)

Columbo
2006-05-16 14:04:57

Ich denke auch, lieber Monk, dass die so plötzlich auftauchende Patientin eher wegen einer anderen Person als wegen einem eigenen Problem dringend die Frau Doktor sprechen wollte. Gertrud ist an der Mantelträgerin ja nichts aussergewöhnliches aufgefallen (ausser vielleicht einer seltsam künstlich anmutenden Nase), und wenn das, was da "nicht stimmt", etwas ähnliches ist wie bei Marita Klein, dann hätte unsere Kommissarin das sicher sofort bemerkt. Falls diese Nebeneffekte aber bei einer anderen Patientin / Versuchskaninchen aufgetaucht sind, ist es ganz plausibel, dass eine gesunde Kundin Hilfe holen will, weil ja die erwähnten Nebeneffekte auf die Sprache schlagen.

Fest steht auf jeden Fall, dass die Frau im Mantel unsere Frau Doktor ganz schön nervös gemacht hat; es braucht wohl einiges, damit man gut zahlende Kundinnen derart barsch abfertigt.

In der Tat, ein schauerliches Szenario ... der Sandro auf seiner Seifenspur längst im Rosenhügel angekommen und von Frau Doktor bereits "behandelt" ... Ich könnte mir gut vorstellen, dass er die Rosenhügel Spur zunächst selbst überprüfen wollte, um dann der Gertrud hieb- und stichfeste Infos bieten zu können; immerhin hat er ja wiederholt feststellen müssen, dass die Chefin ungern gestört wird, und da kommt man schon mal auf den Gedanken, sich erst wieder zu melden, wenn man was mit Hand und Fuss zu bieten hat. Bisher hat sich der gute Mann allerdings ganz geschickt angestellt, und das gibt mir Hoffnung, dass er doch nicht einfach so ohne weiteres in eine sommerhalder'sche Falle getappt ist. Wer weiss, vielleicht wühlt er sich in diesem Moment durch die verschiedenen Chemikalien im Labor.


Columbo
2006-05-16 14:43:59

Ich hab's doch geahnt; auf Hercule ist Verlass, wenn's hoch zu und her geht. Hut ab, eine geradezu klassische Aktion, scher amii. Am besten stören wir den Mann nicht zu sehr, damit er weiter unbehelligt, still und leise erkunden kann, was Sache ist. Aber im Stich lassen können wir unseren Mitstreiter natürlich auch nicht. Also, Jungs, wenn ihr dann mal die Kameraden mit den Blaulichtern mobilisiert, mach ich mich mit meinem schnittigen Schlitten auf an den Züriberg.

jilal - jilal10 [at] msn.fr - http://zip.blogsome.com
2006-05-17 10:01:14

Gooten abend

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